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Sie ist das jüngste Mitglied im jetzt neun Modelle umfassenden Softail-Portfolio von Harley-Davidson. Im November auf der EICMA vorgestellt, konnten wir sie jetzt endlich fahren
In den vergangenen Jahren haben sich die Marketingstrategen von Harley-Davidson angewöhnt, nach der großen Präsentation des neuen Modelljahrgangs im August immer noch ein oder zwei Modelle im darauffolgenden Frühjahr nachzuschieben. Mit der jüngst vorgestellten Softail Sport Glide hatten sie es besonders eilig, denn die wurde schon Anfang November 2017 gelauncht und konnte Ende Januar auf Teneriffa erstmals gefahren werden.

Von Sport kann zwar keine Rede sein, aber mit Harleys neuester Softail kann man es auch ein bisschen fliegen lassen
Motor
Der 1745 Kubik große Milwaukee-Eight-Motor ist inzwischen sattsam bekannt. Das Aggregat ist ein Meilenstein in der Geschichte der Motor Company, weil es nicht nur richtig gut aussieht, sondern darüber hinaus auch noch richtig gut funktioniert. 84 PS Leistung klingen nicht gerade atemberaubend, aber das ist völlig wurscht, weil es bei einem Cruiser aus Milwaukee noch nie um hohe Spitzenleistung ging. Viel wichtiger ist das Drehmoment, und davon hat der Motor eine Menge zu bieten. 145 Newtonmeter bei niedrigen 3000 Touren, das ist eine echte Ansage. Und die 3000 U/min braucht der super elastische Vierventiler nicht einmal, er gibt sich im überlangen sechsten Gang schon mit 1500 Touren zufrieden. That’s cruising at its best! Die von vielen Harley-Fahrern gewünschten „good vibrations“ haben die Ingenieure trotz der Verwendung zweier Ausgleichswellen perfekt hingekriegt. Das fest mit dem Rahmen verschraubte Aggregat lebt zwar, nervt aber nicht. Lediglich am Sound aus der ansons­ten bildschön geformten Auspuffanlage könnte man noch etwas feilen, aber dafür kann Harley nichts, den armen Sound hat uns die EU-Bürokratie eingebrockt.


Fahrwerk, Bremsen, Handling
Wie wir schon berichtet haben, besitzen alle neuen Softails – also auch die Sport Glide – ein neu entwickeltes Fahrwerk, das laut Herstellerangabe um 34 Prozent steifer ist. Rahmen, Schwinge und das Monofederbein am Heck, das sich in Cantilever-Manier am Oberrohr hinterm Tank abstützt, sind allen neuen Softails gemein. Je nach Breite des Hinterreifens werden die neuen Softails mit einer schmaleren oder deutlich breiteren Schwinge ausgeliefert, die Sport Glide ist dank ihrer gemäßigt breiten Bereifung (vorn 130/70-18, hinten 180/70-16) mit der schmaleren Dreiecksschwinge ausgestattet. Die nicht einstellbare Upside-down-Gabel mit 43 Millimeter dicken Tauchrohren ist in einem Holm mit einer sogenannten Cartridge (Kartusche) bestückt, die das Dämpfen übernimmt, im anderen Holm wird gefedert. Insgesamt ist diese Gabel ziemlich amerikanisch, sprich weich, abgestimmt. Geht man in die Eisen, folgt jedes Mal ein kleines Nicken nach vorn. Ein bisschen von dieser „Smoothness“ würde man dem Monofederbein hinten wünschen, denn das ist von der Funktion her eher von der knackigen Art.

Künftige Sport-Glide-Besitzer tun gut daran, akribisch auf den korrekten Reifenluftdruck zu achten

Neu in diesem Preissegment sind die Räder namens „Mantis“. Ihre Leichtmetallgussspeichen sind drehrichtungsweisend designt, was dem Bike schon im Stand eine gewisse Dynamik verleiht. Die aufgezogenen Michelin „Scorcher 31“ erwiesen sich auf der Atlantikinsel als ordentliche Allrounder, allerdings hatten wir bei den Testfahrten auf Teneriffa das Glück, dass wir nur ein paar Kilometer lang bei leichtem Nieselregen über feuchte Straßen mussten; eine Aussage, was die Reifen bei Nässe können, lässt sich zu diesem Zeitpunkt deshalb noch nicht treffen. Was unbedingt gesagt werden sollte, ist, dass das Fahrzeug sehr sensibel auf einen unkorrekten Luftdruck reagiert. Morgens beim Losfahren zeigte nicht nur meines, sondern auch andere Exemplare von Kollegen, bei Geradeausfahrt ein leichtes Pendeln um die Lenkachse und bei langsamer Kurvenfahrt eine unangenehme Kippeligkeit. Wir sprachen Harley-Mitarbeiter darauf an, worauf diese mit den Schultern zuckten, aber während unserer Mittagspause die Reifenluftdrücke an sämtlichen Fahrzeugen checkten und einregelten. Oh Wunder, war alles eitel Sonnenschein. Die Sport Glides fuhren wie verwandelt. Alle! Das Handling war jetzt super easy, schnelle Schräglagenwechsel funktionierten wie von selbst. Die Zielgenauigkeit des Fahrwerks ließ keine Wünsche offen, es kam plötzlich richtig Fahrfreude auf. Das umso mehr, weil das Motorrad über eine vernünftige Schräglagenfreiheit verfügt, die durchaus zügiges Fahren im Kurvengeläuf zulässt, ohne dass Rasten oder Bauteile ständig aufsetzen. Erstaunlich, denn mit ihren 317 Kilogramm ist die Sport Glide kein ausgesprochenes Leichtgewicht, aber sobald die Maschine rollt, relativiert sich das Gewicht, das Bike fühlt sich dann um 100 Kilo leichter an. Zum Thema Bremsen: Die beiden Scheibenbremsen arbeiten unauffällig, wobei die hintere Reibpaarung etwas aggressiver ausgelegt sein dürfte. Die 300er-Bremse mit Vierkolbensattel vorn dagegen bremst allzeit souverän. Sehr angenehm: Selbst auf der langen Abfahrt vom Vulkan Teide ließ sich kein Fading feststellen.

Ohne Verkleidung und ohne Koffer: Auch gestrippt macht die Sport Glide eine gute Figur; dann erst sieht man die liebevolle Verarbeitung des Frontends

Reisetauglichkeit und Komfort
Die Sport Glide verfügt serienmäßig über eine kleine Frontverkleidung und stabile, abschließbare Packtaschen aus Kunststoff. Sehr gut: Es gibt Gummidichtungen um die Innenkante der Koffer. Ob das bei Starkregen dicht bleibt, konnten wir nicht testen. Jeder Koffer fasst 25 Liter, ist aber so gestylt, dass ein Helm (auch ein Jethelm) nicht hineinpasst. Das Scharnier sitzt unten sagittal mittig, die Koffer öffnen sich in etwa wie eine Muschel. Der Schließmechanismus ist technisch sehr gut gelöst, beim Öffnen verhindert ein eingebauter Gasdruckdämpfer wirksam ruckartiges Aufklappen. Wer aus welchen Gründen auch immer die Koffer nicht am Bike haben möchte, kann sie mit wenigen Handgriffen ohne Werkszeug in etwa 10 Sekunden abnehmen. Genauso schnell funktioniert auch das Dranmachen.



Die Front-Fairing ist noch schneller demontiert. Mehr als fünf Sekunden braucht man nicht. Die Verkleidung spendet etwas Windschutz, die winzige Scheibe, die ihren Namen eigentlich nicht verdient, frönt eher dem Design als dem Windschutz. Allerdings gibt es als Originalzubehör eine etwas höhere Scheibe, die wir aber leider nicht testen konnten, weil kein einziges der Testfahrzeuge damit ausgestattet war. Zum Thema Komfort lässt sich sagen: Die Sitzposition ist für alle erdenklichen Körpergrößen sehr angenehm, Lenker und Rasten sind sehr harmonisch aufeinander abgestimmt. Die Fahrposition passt! Auch gut: Der nur 680 Millimeter hohe Fahrersitz ist ausreichend breit und sehr bequem. Soll eine Sozia mit, gibt es im Zubehör eine kleine Sissybar, die den Lendenwirbelbereich stützen kann. Für mehr Gepäck gibt es als Originalzubehör auch einen Gepäckträger.

Fazit
Die Sport Glide ist eine ebenso schöne wie gut fahrende Harley. Der druckvolle Motor ist über jeden Zweifel erhaben, die Federelemente, das Fahrwerk und die Bremsen taugen. Die Sitzposition ist – selbst für großgewachsene Menschen – sehr angenehm, die durchweg ausreichende Schräglagenfreiheit ist auch für zügige Kurvenritte gut. Ein nettes Feature ist die Variabilität, denn auch ohne Front-Fairing und Koffer sieht die Sport Glide absolut Sahne aus. Los geht der empfehlenswerte Spaß bei 17.995 Euro plus Nebenkosten, die beiden Metallic-Lacke schlagen mit einem Aufpreis von 350,– Euro zu Buche.
Softail Sport Glide
Motor: Milwaukee-Eight 107, 1745 ccm
Bohrung x Hub: 100,0 x 111,1 mm
Ventiltrieb: ohv-Vierventiler, Steuerung über Stößelstangen
Gemischaufbereitung: elektron. Kraftstoffeinspritzung, 55-mm-Saugrohr
Leistung (laut Hersteller): 84 PS bei 5450 U/min
Drehmoment (laut Hersteller): 145 Nm bei 3000 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 190 km/h
Getriebe: Sechsgang
Sekundärtrieb: Zahnriemen
Radstand: 1625 mm
Lenkkopfwinkel: 30°
Nachlauf: 150 mm
Bereifung: vorn 130/70 B18 Michelin Scorcher 31, hinten 180/70 B16 Michelin Scorcher 31
Leergewicht (fahrfertig): 317 kg
Zuladung: 209 kg
Tankinhalt: 18,9 l (davon 3,8 l Reserve)
Sitzhöhe ohne Fahrer: 680 mm
Preis: ab 17.995 Euro zuzüglich Nebenkosten
 
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