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Die Vorzüge der Softail Sport Glide wurden lange vom Publikum nicht erkannt. Das hat sich jetzt geändert
Warum bloß verwehrt man der Sport Glide den großen 114er-Motor?

Die Sport Glide ist momentan die zweitbestverkaufte Harley. Nur die Softail Street Bob steht in der Neufahrzeugstatistik noch besser da; kein Wunder, denn die ist satte 3.500 Euro günstiger zu haben. Wenn man bedenkt, dass beide Modelle den gleichen Rahmen und den exakt gleichen Motor haben, ist es zunächst schwer nachzuvollziehen, warum die Sport Glide um so viel teurer ist. Aber es sind viele kleine Ausstattungsdetails, die den Unterschied machen und den Preis bestimmen. Zwar sind die Motoren der Softail-Geschwister technisch identisch, das Aggregat der Sport Glide allerdings trägt viel mehr Chrom. Auch an der Front gibt es einen entscheidenden Unterschied. Wo bei der Street Bob eine stinknormale Telegabel verbaut ist, protzt die Sport Glide mit einer feinen Upside-down-Gabel. Auch bei den Rädern gibt es Unterschiede. Der fette Robert steht auf profanen schwarzlackierten Speichenrädern, während die Sport Glide stylische Leichtmetallgussräder besitzt, die sogar teilpoliert sind. Verchromte Riser, ein bildhübsches Rundinstrument in einem polierten Dashboard, all das wirkt sehr viel wertiger und ist es auch.

Abnehmbare Goodies
Tja, und dann sind da ja noch die Verkleidung und die Koffer. Die lenkerfeste Verkleidung sieht aus wie eine Kopie der Batwing-Verkleidung der E-Glides, bloß deutlich kleiner. In die schnittig gestylten Hartschalenkoffer am Heck passen zusammen fünfzig Liter, genügend Platz also für Zweitjeans, Unterwäsche und Socken für den kleinen Wochenendtrip. Der Gag bei alldem ist, dass sich sowohl die Verkleidung als auch die Koffer ohne Werkzeug mit wenigen Handgriffen entfernen lassen. Was durch die Abbau-Aktion herauskommt, ist ein völlig anderes Motorrad, das ein bisschen an die erste Fat Boy erinnert. Tatsächlich verkörpert die Sport Glide im Grunde zwei Motorräder in einem, ein erfreuliches Kriterium, das bei der Kundschaft sticht und in diesem Frühjahr bereits eine steigende Anzahl von Käufern überzeugt hat.

Sattes Fahrgefühl
Was die Sitzhöhe (680 mm) und das Gewicht (317 kg) angeht, rangiert die Sport Glide im Mittelfeld der Softail-Familie und lässt sich somit auch von kleiner gewachsenen Fahrerinnen und Fahrern gut beherrschen. Apropos beherrschen: Dank der von den Entwicklern klug gewählten, nicht übertrieben fetten Bereifung (vorn 130/70 B18, hinten 180/70 B16) macht die Sport Glide auf der Straße ihrem Namen alle Ehre und überzeugt durch spielerisches Handling in Tateinheit mit einem satten Fahrgefühl. Der 18-Zöller vorn sorgt auf der Bahn für einen sturen Geradeauslauf, ohne beim Einlenken großartig störrisch zu wirken. Zugegeben, die Deluxe, die Slim und die Heritage geben sich noch handlicher als der Sport-Gleiter, die fahren aber auch alle drei auf vergleichsweise schmalen 16-Zöllern.

Spielerei: Die lediglich ein paar Zentimeter hohe Verkleidungsscheibe ist viel zu niedrig und somit ohne Nutzen

Die Boden- und somit die Schräglagenfreiheit ist seit der Komplettrenovierung der Softail-Baureihe ja nicht mehr das große Thema. Seit der Milwaukee-Eight-Ära kann man mit allen Softails bei Bedarf auch mal ordentlich angasen, so auch mit der Sport Glide. Die Bremsen arbeiten unauffällig, ohne in Benchmark-Verdacht zu kommen. Die Fahrwerksabstimmung ist im Originalen stimmig, kann aber durch bessere Komponenten auf ein anderes Level gehievt werden.

Bleibt noch das Rätsel offen, warum sich irgendwelche Marketing-Lurche in Milwaukee entschlossen haben, ausgerechnet der angenehm agilen Sport Glide den 114er-Motor zu verwehren. Wäre es so, dass nur die „Dicke-Backen-Modelle“ wie Fat Boy, Breakout und FXDR den 114er bekämen, wäre das noch verständlich, weil argumentierbar. Aber dem ist ja nicht so. Denn auch der Retro-Cruiser Heritage Classic kann mit 114-Kubikinch-Motor geordert werden. Ein gutes, wandelbares Motorrad gebaut, aber mindestens eine Chance vertan …

Taugt dank der niedrigen Sitzhöhe auch für kleinere Fahrerinnen und Fahrer
Technische Daten
Motor: Milwaukee-Eight 107, 1745 ccm
Bohrung x Hub (mm): 100,0 x 111,1 mm
Ventiltrieb: ohv Vierventiler, Steuerung über Stößelstangen
Gemischaufbereitung: elektron. Kraftstoffeinspritzung, Saugrohr 55 mm
Leistung (lt. Herst.): 84 PS bei 5450 U/min
Drehmoment (lt. Herst.): 145 Nm bei 3000 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 190 km/h
Getriebe: Sechsgang
Sekundärtrieb: Zahnriemen
Radstand: 1625 mm
Lenkkopfwinkel: 30°
Nachlauf: 150 mm
Bereifung: vorn 130/70 B18 Michelin Scorcher 31, hinten 180/70 B16 Michelin Scorcher 31
Leergewicht (fahrfertig): 317 kg
Zuladung: 209 kg
Tankinhalt: 18,9 l (davon 3,8 l Reserve)
Sitzhöhe ohne Fahrer: 680 mm
Preis (BRD): ab 17.995 Euro zzg. Nebenkosten
 
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