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Mit dem Motorrad über eine der wildromantischsten Küstenstraßen der Welt, den „Wild Atlantic Way“ in Irland
Die Great Ocean Road in Australien, die Route 66 in den USA, die Route 40 in Patagonien, die Transfagarasan-Bergstraße in Rumänien. Sagen diese Strecken Ihnen etwas? Alles Traumstraßen! Für Motorradfahrer sind das die spektakulärsten Straßen der Welt, mythische Routen, mindestens eine von ihnen sollte jeder Zweiradreisende einmal in seinem Leben unter die Räder genommen haben. Solch eine Traumstraße ist auch der „Wild Atlantic Way“ in der Republik Irland. Mit 2500 Kilometer Länge ist sie die längste Küstenstraße Europas. Sie führt zu atemberaubenden Klippen, auf wunderschöne Halbinseln, um Fjorde herum, zu Burgen und malerischen Dörfern und an langen weißen Sandstränden entlang.

Der Leuchtturm „Black Head“ unweit des Ortes Fanore liegt in der Region Burren

Erste Überraschung: Galway

Solch einen Trip zu organisieren, ist nicht sonderlich schwer. Dublin ist eine quirlige Millionenstadt, dort kann man problemlos verschiedene Arten und Marken von Motorrädern mieten, bei rentalmotorbike.com beispielsweise auch eine Street Glide. Benzin kostet in etwa das Gleiche wie in Deutschland, und Unterkünfte und Restaurants gibt es reichlich.

Nachdem wir unsere Mietmotorräder in Dublin abgeholt haben, geht es schnurstracks Richtung Westen nach Galway. Dort müssen wir uns dem ersten Problem der Reise stellen: Die Stadt ist so bezaubernd, dass es uns sehr schwer fällt, unseren eng gesteckten Zeitplan einzuhalten! Andererseits wussten wir durch unsere Vorbereitungen, dass die ländlichen Gegenden der Grafschaft und der Connemara-Halbinsel fesselnd sein könnten. Deshalb hatten wir anfangs sogar geplant, die Hauptstadt Galway auszulassen, aber das wäre ein unverzeihlicher Fehler gewesen. Die geschichtsträchtige Universitätsstadt ist ein Kaleidoskop von kleinen Geschäften, einladenden Pubs und reizenden Restaurants, überall herrscht eine pulsierende Atmosphäre, mittelalterliche Mauern wechseln sich ab mit Shops, die Pullover der Aran-Inseln, Claddagh-Ringe und antiquarische Bücher verkaufen. Wer kann, sollte Minimum zwei Tage für Galway einplanen.

An der Nationalstraße 67 südwestlich von Kilcolgan: Burg Dunguaire aus dem 16. Jahrhundert

Unser Plan war, von Galway aus zu dem zerklüfteten Küstenabschnitt der Region Connemara zu fahren, aber aus Zeitgründen müssen wir das auf unseren nächsten Besuch verschieben. Wir wenden uns auf der N67 nach Süden in Richtung Kilcolgan, wo wir nach rechts abbiegend gen Westen auf der N67 bleiben. Es geht hin zur Küste, wo wir bald auf die berühmte Burg Dunguaire aus dem 16. Jahrhundert stoßen. Von dort geht’s weiter nach Ballyvaughan, wo wir die Nationalstraße verlassen und der untergeordneten Regionalstraße R477 folgen, einer schmaleren Straße, die von niedrigen, perfekt gesetzten Trockenmauern begrenzt wird, die wie mit einem schwarzen Füllfederhalter auf das helle Grün der umgebenden Wiesen gezeichnet zu sein scheinen. Wir sind immer noch auf Meereshöhe, aber wir beginnen langsam zu klettern, und kurz vor Fanore, direkt an der Nordspitze der Halbinsel, begrüßt uns eine atemberaubende Landschaft, wo sich der kleine weiße Leuchtturm von Black Head kühn auf einem schroffen Felsen erhebt.

Unsere Straße scheint wie die Falte auf dem Gesicht einer riesigen uralten Schildkröte zu sein, um uns herum gibt es nur drei Farben: das Grau des Asphalts und der Felsen, das Blau des Meeres und das Grün des Grases. Zu hören sind nur der Wind und die Brandung, die ein einziges ununterbrochenes Rauschen erzeugen. Im südöstlichen Hinterland liegt die Region Burren, eine urwüchsige Landschaft, die nichts zu tun hat mit den immergrünen Postkartenbildern von Irland. Blanker erodierter Kalkstein herrscht dort vor, der überall die Wind- und Wetterkatastrophen erzählt, die ihn aus dem alten Meeresboden herausmodelliert haben. Land und Meer scheinen dort zu einem einzigen öden, felsigen, strengen, fast schon ein bisschen unheimlichen Ort zu verschmelzen.

Im Killarney-Nationalpark

Der westlichste Punkt Europas

Vom Burren National Park aus wenden wir uns wieder nach Westen in Richtung der Ortschaft Doolin, berühmt für seine enge Verbindung zur traditionellen irischen Musik. Die berühmten Klippen von Moher sind von hier nur sechs Kilometer entfernt, was Doolin zu einem perfekten Übernachtungsort macht. Also fahren wir flugs zu der berühmtesten Touristenattraktion in Irland, mit dem Vorteil, dies in der Nebensaison zu tun. Tatsächlich sind die „Cliffs of Moher“, die vertikal bis zu 203 Metern aufragen, im Sommer voller Menschen, nicht wenige Kenner meiden deshalb in dieser Jahreszeit diese Sehenswürdigkeit und weichen stattdessen auf die Felsen bei Kilkee aus, gut 52 Kilometer weiter im Süden. Einige der Felsenwände dort werden heftig vom Wasser attackiert, das fortwährend versucht, Höhlen in die Wände zu graben, andere Teile sind durch die Erosion der Wellen schon abgelöst, stehen isoliert vom Festland wie Einzelgänger, stoisch wie schweigende Wachsoldaten. Ab und zu weiden ein paar Kühe am Wegesrand, in Landschaften, die durch ihre zeitlose Trockensteinmauern geprägt sind. Als wir auf der R487 den Leuchtturm „Loop Head“ erreichen, ist der Himmel grau und düster, aber es bleibt trocken und der Blick auf die wilde See ist wunderbar. Wir stehen im rauen Wind und sind einfach nur glücklich.

Der Delfin „Fungie“ ist DIE Hauptattraktion in der Bucht vor dem Städtchen Dingle

Vom Leuchtturm aus folgen wir den gut sichtbar angebrachten Beschilderungen des „Wild Atlantic Way“. Die Straßen dort sind wunderbar, unser Zeitplan gerät ins Stocken. In Killimer nehmen wir die Fähre nach Tarbert und wenden uns dann über den Ort Tralee nach Süden in Richtung der Halbinsel Dingle. Dort sind die Gewichtungen der Natur umgekehrt: Das opalisierende Blau des Meeres herrscht vor, die Küstenlinie und das Hinterland bestehen aus unspektakulären grünen sanften Hügeln und goldgelben Sandstränden. Übrigens: Auf der Halbinsel Dingle liegt der westlichste Punkt Europas. Als sehr hübsch erweist sich auch das Städtchen Dingle. Der Ort zieht seit Langem Menschen an, die vor dem stressigen Leben der Städte (ein bisschen wie die Toskana in den 70er Jahren) geflüchtet sind. Dies hat ihn zu einem kosmopolitischen und kreativen Zentrum gemacht.

Der heimliche Star des Orts ist jedoch Fungie, ein Delfin, der 1984 in der Bucht aufgetaucht ist. Er wurde nach dem Fischer benannt, mit dem er sich zuerst angefreundet hat (dieser Fischer hatte den Spitznamen „Fungie“, weil sein Bart der Form eines Pilzes ähnelte). Und obwohl diese Delfinart nicht sesshaft ist und ständig wandert, verließ Fungi die Bucht von da an nicht mehr. Möglicherweise ist das Tier aus einer Delfinshow geflüchtet, denn er ist ungemein freundlich zu Booten und Touristen. Er ist überhaupt nicht scheu, nähert sich fast jedem Boot und ist mit der Zeit zu einer wichtigen Säule des lokalen Tourismus geworden. Definitiv eine Bootsfahrt wert!

Wilde Felsküste bei Mizen Head

UNesco-Biosphärenreservat

Von Dingle aus hat man zwei Möglichkeiten, je nachdem, wie viel Zeit man mitbringt: Entweder man fährt weiter nach Süden die Küste entlang zur nächsten Halbinsel in Richtung Caherciveen– das ist die längste und abwechslungsreichste der berühmten irischen Bikerrouten mit 179 Kilometern atemberaubenden Landschaften, darunter mittelalterliche Ruinen, Berge, Klippen und Seen. Oder man besucht den Killarney National Park, ein 10236 Hektar großes Naturgelände, das bereits 1982 zum UNESCO-Biosphärenreservat erklärt wurde. Von dort aus erwarten den Biker nach Faxbridge 140 Kilometer pure Fahrfreude, immer auf dem Wild Atlantic Way entlang. Wir entschließen uns, einen Umweg über die R600 zu machen, ein Sträßchen, das so knapp am Wasser entlangführt, dass man öfter mal meint, nasse Füße bekommen zu müssen. Ziel ist das farbenfrohe Hafenstädtchen Kinsale, wo unsere Reise auf dem Wild Atlantic Way für dieses Mal endet. Bevor es zurück nach Dublin geht, machen wir aber noch einen Abstecher zur Mizen Head Signal Station, dem südwestlichsten Punkt Irlands. Dies ist ein Leuchtturm aus der viktorianischen Zeit, der 1909 gebaut wurde, um zu verhindern, dass Schiffe reihenweise auf die Felsen knallten, die dort wie von Kindern geworfene Steine aus dem Wasser ragen. Am Schluss unserer Reise war eines sicher: Wir kommen wieder, um den nächsten Abschnitt auf dieser Traumstraße in Angriff zu nehmen. Denn wer einmal da war, weiß es: Irland macht süchtig!
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