Harley Davidson Forty Eight versus Victory Octane – Ein Vergleichstest

01.02.2018  |  Text: Heinrich Christmann  |   Bilder: Volker Rost, Christian Heim, Carsten Heil
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Harley Davidson Forty Eight versus Victory Octane – Ein Vergleichstest
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Old School gegen Moderne könnte man diesen Vergleichstest auch titeln. Welches Bike hat die Nase vorn?
Sie haben beide einen V2-Motor. Beide haben in etwa den gleichen Hubraum von 1200 ccm. Beide sind in Amerika geplant und konstruiert worden und beide werden dort auch gebaut. Was die Preise angeht, liegen sie ebenfalls annähernd gleichauf, wobei die Victory „Octane“ ausstattungsbereinigt ein paar hundert Euro teurer ist als Harleys Bestseller „Forty-Eight“. Das ist gewagt, denn immerhin kann die Motor Company aus Milwaukee mit einer der strahlkräftigsten Markennamen der Welt glänzen. Was bieten die beiden, was können sie?

Auf Holperstrecken taugen die Dämpfer der Octane wenig
Kapitel Motor
Jetzt wird’s ein bisschen unfair. Denn die Harley wird von einem Motor angetrieben, der in seiner Grundform auf ein fast schon „antikes“ Aggregat von 1957 zurückgeht. Der luftgekühlte, per Stößelstangen gesteuerte Langhuber produziert auf dem Papier 67 PS, am Hinterrad kommen davon etwa 50 Pferde an. Im Vergleich dazu ist der V2 der Octane ein wahrer Kraftmeier. Der hochmoderne flüssigkeitsgekühlte 60°-V-Twin generiert mit seinen zwei kettengetriebenen obenliegenden Nockenwellen und Vierventilköpfen geschmeidige 104 PS und fast 100 Nm Drehmoment, ohne dabei allzu drehzahlgierig zu sein. Zwar hat die langhubige Harley im Drehzahlkeller etwas mehr Bumms, allerdings ist bei ihr dann auch relativ schnell Schicht im Schacht, was den Vortrieb angeht. Sie wirkt stets bemüht, so etwas wie Dynamik kommt nie auf.

Auch mit der Octane lässt es sich prima in niedrigen Drehzahlbereichen bummeln. Bloß mit dem Unterschied, dass sie, sollte man mal ernst machen, ab 4000 U/min ein Feuerwerk abbrennt, das man diesem kleinen Cruiser gar nicht zutraut. Victory selbst sieht die Octane deshalb auch eher als Muscle-Bike denn als Cruiser. Die Straßen-Performance des Octane-Aggregats ist überragend, anders als bei der Harley wünscht man sich auf ihr in keiner Fahrsituation mehr Leistung. Deshalb geht die Antriebswertung eindeutig an die Victory.

Das Sitzbrötchen der Octane bietet besseren Halt; den braucht man auch angesichts der abrufbaren Leistung

Kapitel Fahrwerk
Auch hier trifft „Antike“ auf Moderne. Die Forty-Eight besitzt einen Rohrrahmen aus Rundrohren, wie er ähnlich schon vor 100 Jahren gebaut worden ist. Hinten sitzt eine dünne Kastenschwinge aus Stahl, die sich mit zwei konventionellen Federbeinen am Heckrahmen abstützt. Das Chassis der Victory dagegen ist ein Verbund aus Leichtmetallguss-Komponenten, lediglich unterm Tank kommen zwei kurze Stahlrohre zum Einsatz, mit denen der gegossene Lenkkopfbereich mit dem ebenfalls aus Leichtmetallguss bestehenden Heckteil verschraubt wird. Der kompakte Motor ist tragendes Teil und trägt zur Steifigkeit der Konstruktion bei. Die Schwinge besteht auch aus Leichtmetallguss, sie stützt sich, gleich der Harley, über zwei konventionelle Federbeine ab. Vorne führen und federn an beiden Maschinen Telegabeln, die Forty-Eight besitzt seit dem Modelljahr 2016 ein Exemplar mit ganz besonders dicken Gabelbeinen.

Schraddel schraddel, da waren die Schellen des Hitzeschutzschildes durchgewetzt
Fahrbetrieb und Bremsen
Im Geläuf fallen die ab 2016 neuen Emulsion-Dämpfer an der Harley sehr positiv auf. Sie sprechen viel feinfühliger an als die bisherigen billigen Ex-Stempel, in Verbindung mit der dicken Gabel ein Quantensprung für das Bike. Gleichwohl wäre hinten ein bisschen mehr Federweg (Ist = 54 Millimeter) sehr wünschenswert. Das würde nicht nur dem Lendenwirbelbereich des Piloten zugute kommen, ein wenig längere Federbeine würden auch die Schräglagenfreiheit der Harley pushen, denn da liegt es nach wie vor im Argen. Auch nur minimal dynamische Fahrweise bestraft die Sportster sofort mit elendigem Schraddeln auf dem Asphalt, bei den Fotofahrten mussten gar die beiden Befestigungsschellen des Hitzeschutzblechs am vorderen Auspuff dran glauben. Leute in Milwaukee: Das geht gar nicht!! Ebenso würde es sich lohnen, über die Serienbereifung nachzudenken. Der Michelin Scorcher 31 ist zwar besser als das ehedem verbaute Dunlop-Pärchen D402F/D401, aber gut ist er nicht. Wir haben’s vor längerer Zeit ausprobiert und wissen daher: Mit dem freigegebenen Metzeler ME 880 lenkt die Forty-Eight punktgenau und ohne Kraftaufwand ein wie ein Sahneschnittchen, wer das mal erlebt hat, fährt auf der Serienbereifung freiwillig keinen Meter mehr.

Unterschiedlicher könnten zwei amerikanische 1200er-V2 nicht sein. Die Harley setzt bedingungslos auf die Bobber-Werte der 50er Jahre, die Victory dagegen mimt mit ihrem maskulin-kantigen Design und dem Mattlack den Halbstarken

Zumindest was die hinteren Stoßdämpfer angeht, sollten sich auch die Fahrwerksentwickler von Victory in die Schäm-Ecke hocken. Die Dinger sind bretthart, haben null Millimeter Zugstufe, weswegen auf Holperpisten das Hinterrad nicht mehr ordentlich am Boden gehalten wird. Auf guten Straßen dagegen macht die Octane deutlich mehr Spaß als die Forty-Eight, weil mit ihr einfach mehr Schräglage gefahren werden kann, ein immenses Sicherheits-Plus. Auf trockener Fahrbahn können die aus Taiwan stammenden Kenda-Reifen durchaus überzeugen, wenn es nass wird, sollte der Fahrer sein Hirn aber in den „Rain“-Modus schalten. Zu den Bremsen nur so viel: Die Bremsanlage der Victory ist in allen Belangen besser als die der Harley. Harley wählt traditionell eine sehr defensive Reibpaarung für seine Bremsen, knackig geht anders.



Fazit
Das bessere Motorrad ist die Victory Octane, das coolere Bike hingegen die Sportster Forty-Eight. Da muss jeder Interessent in sich hineinhorchen, was er eigentlich möchte, was er erwartet. Wem das Image und der Hype um den Harley-Kult schnuppe sind, der hat mit der Octane die bei weitem bessere Fahrmaschine unterm Hintern. Die Harley nötigt ihrem Fahrer Kompromisse ab. Wie sagte doch einer der Fotofahrer nach dem Shooting: „Beim direkten Umstieg von der Octane auf die Sportster fällst du innerhalb von Sekunden in die zweirädrige Steinzeit zurück.“ Nicht von der Hand zu weisen ist aber das bessere Image und die hohe Wertbeständigkeit des Milwaukee-Eisens. Wir jedenfalls möchten nicht in der Haut eines Kaufinteressenten stecken.


Sportster Forty-Eight
Motor: Evolution Sportster V2, 45° Zylinderwinkel
Bohrung x Hub (mm): 88,9 x 96,8 mm
Hubraum: 1202 ccm
Ventiltrieb: ohv Zweiventiler, Steuerung über Stößelstangen
Gemischaufbereitung: elektronische Kraftstoffeinspritzung, 45 mm Saugrohr
Leistung (laut Hersteller): 67 PS bei 6000 U/min
Drehmoment (laut Hersteller): 96 Nm bei 3500 U/min
Getriebe: Fünfgang
Sekundärtrieb: Zahnriemen
Radstand: 1495 mm
Lenkkopfwinkel: 30°
Gabelwinkel: 28°
Bereifung: vorn 130/90 B16, hinten 150/80 B16
Leergewicht (fahrfertig): 252 kg
Tankinhalt: 7,9 l (davon 2,5 l Reserve)
Sitzhöhe ohne Fahrer: 710 mm
Preis: ab 12.365 Euro inkl. aller Nebenkosten



Victory Octane
Motor: Flüssigkeitsgekühlter V2 mit 60° Zylinderwinkel
Bohrung x Hub (mm): 101,0 x 73,6 mm
Hubraum: 1179 ccm
Ventiltrieb: DOHC Vierventiler, Antrieb über Kette
Gemischaufbereitung: elektr. Kraftstoffeinspritzung, 60 mm Saugrohr
Leistung (laut Hersteller): 104 PS bei 8000 U/min
Drehmoment (laut Hersteller): 99 Nm bei 6000 U/min
Getriebe: Sechsgang
Sekundärtrieb: Zahnriemen
Radstand: 1578 mm
Lenkkopfwinkel: 29°
Nachlauf: 129,5 mm
Bereifung: vorn 130/70-18, hinten 160/70 - 17
Leergewicht (fahrfertig): 248 kg
Tankinhalt: 12,9 l  
Sitzhöhe belastet: 658 mm
Preis: 12.950 Euro inkl. MwSt. plus Überführung

 
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Stand:15 December 2018 13:12:23/fahrtests/harley+davidson+forty+eight+versus+victory+octane+-+ein+vergleichstest_18131.html