Fat Man – Vergleichstest Fat Boy alt gegen Fat Boy neu

05.01.2018  |  Text: Carsten Heil  |   Bilder: Carsten Heil
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Fat Man – Vergleichstest Fat Boy alt gegen Fat Boy neu
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Irgendwann werden aus Jungs Männer. Was aber passiert, wenn aus einem guten – wenn auch fetten – Jungen ein Mann wird? Bleibt er ein Guter? Der Vergleich zwischen der alten und neuen Fat Boy wird es zeigen …
Ich bin absoluter Fat-Boy-Fan, was merkwürdig ist, weil ich eigentlich genau gegenteilig veranlagt bin. Ich mag es leicht und agil, wendig und fluffig. Da fällt schon eher die Sportster in mein Beuteschema – als 1200er Roadster oder XR. Privat besorgt es mir eine Rohrrahmen-Buell. Ich mag es, mit Speed in eine Kurve zu stechen und auf der vorletzten Rille einzulenken …

Trittbretter und Vollscheibenräder?
Sobald ich aber auf einer Fat Boy Platz nehme, ist alles anders. Ausladende Trittbretter, schwergewichtige Vollscheibenräder, mehr als sechs Zentner Lebendgewicht – scheißegal! Ich weiß nicht, was dieses Motorrad mit mir macht, aber sobald ich auf der Dicken sitze, spielen ungefederte Massen, Schräglagenfreiheit und Leistungsgewicht keine Rolle mehr. Dann fühle ich mich befreit von jeglicher sportlichen Attitüde, von der Hatz nach Zehnteln und dem Höher-Weiter-Schneller unserer Zeit.

In kurvigem Geläuf fällt die alte Fat Boy wie von selbst in Schräglage. Die neue gibt sich widerspenstig …

Im Sattel der Fat Boy habe ich einige der glücklichsten Stunden meines Motorradfahrerdaseins verlebt und bin dem vielbeschriebenen Harley-Feeling bis auf den Grund gefolgt. An jeder Harley finde ich Dinge, die ich anders machen würde. Die Fat Boy aber würde ich genau so lassen, wie sie ist. Dies gilt insbesondere für die seit 2010 erhältliche Special-Version mit viel Schwarz und sattinierten Metalloberflächen. Bis in die letzte Rille stimmig, edel, exklusiv. Als Fat-Boy S gab es sie seit 2016 mit dem 1800er Screamin’-Eagle-V2 und 92 Pferdestärken. Mit offenen Tüten und etwas Feintuning waren sogar knapp 100 Horses drin – ein Heavy-Duty-Traum für alle Ewigkeit!

Kein Schnickschnack
Das Besondere an diesem Motorrad ist seine Zeitlosigkeit. Keine Fransen, keine Nieten, keine chromüberzogenen Peinlichkeiten – dieses Zweiradmonument steht breitbeinig für sich selbst, ohne dass es auf dicke Hose machen müsste. Wenn sich die vorbeifliegende Welt im dicken Scheinwerfergehäuse widerspiegelt, ist ebenjene schwer in Ordnung. Losgelöst von Zeit und Raum – ein Traum. Das alles hat nix mit dem besten aller Terminatoren zu tun, dem die Dicke einst zur aufsehenerregenden Flucht durch die Kanalisation von Los Angeles verhalf. Es ist schlicht und ergreifend die wuchtige Eleganz, die diese Maschine zu etwas ganz Besonderem macht. Ja, Mann, die alte Fat Boy ist eine gottverdammte Motorrad-Ikone – nicht mehr und nicht weniger. Doch die Zeit dieser Zweiradgöttin ist nach 27 Jahren nun vorbei …

Wie schwer es ist, den würdigen Nachfolger einer Ikone auf die Räder zu stellen, zeigt uns die Automobilindustrie. Einzig der selige Fiat 500 und Mini haben es geschafft, dem historischen Vorbild einigermaßen gerecht zu werden. Es ist ein schmaler Grat, klassisches Design in die Jetztzeit zu übertragen, ohne die Retrokarte zu überreizen. Ob Harley-Davidson mit der 2018er Fat Boy richtig liegt, werden die Verkaufszahlen zeigen. Wir sind derweil ziemlich zerrissen. Zunächst einmal gilt es, den Hut zu ziehen, weil der neue Milwaukee-Eight so ziemlich alles besser kann als der selige Twin Cam. Mehr Power oben, mehr Druck unten, bessere Manieren, breiter nutzbares Drehzahlband. In Zahlen heißt das 87 statt 75 PS, 145 statt 126 Newtonmeter bei unverändet 3000 Umdrehungen pro Minute – da bleiben keine Frage offen. Zumal der neue Milwaukee-V2 weiterhin feinste 45-Grad-Vibrations im Potato-Blues in des Fahrers Seele massiert. Die Motorenwertung geht klar an den Nachfolger.



Auch das Fahrwerk hat tendenziell gewonnen: Der Lenkkopfwinkel schrumpfte von 32 auf 30 Grad, der Nachlauf gar von 147 auf 104 mm – theoretisch handlingsfreundliche Maßnahmen. Statt der beiden unterm Motor liegenden Federbeine sorgt – wie bei allen neuen Softails – nun ein unter dem Sitz liegender Monoshock für bessere Federung und Dämpfung bei deutlich großzügigerer Schräglagenfreiheit. Rundum gelungene Updates … könnte man meinen.

Nun hatten wir das Vergnügen, sämtliche neuen Softails binnen weniger Tage intensiv herzudreschen und können der Company bescheinigen, vieles richtig gemacht zu haben. Im Falle der Fat Boy aber ging der Griff ins Klo. Und das liegt weder am Motor noch am Fahrwerk, sondern einzig und allein an den Gummis. Als hätte die alte Fat Boy unter Magersucht gelitten, haben sie der neuen statt 140 vorn und 200 hinten auf 17-Zöllern 160/240-Schlappen auf 18-Zöllern aufoktroyiert. Dass ein 160er-Pneu am Vorderrad (so breit waren früher die meisten Hinterreifen nicht) nicht zum Handlingswunder taugt, ist klar. In Kombination mit dem störrischen 240er am Heck wird’s aber wirklich fies: keine Kurve, keine Biegung, es gibt nichts außer der Geraden, wo sich diese Kombination irgendwie gut anfühlen würde. Es ist ein ständiges Rühren, Korrigieren und Ausgleichen.

Die grobe Linie blieb zwar erhalten, aber letztlich fehlt es der neuen Fat Boy doch ein wenig an monumentalem Charakter. Wenn schon fett, dann bitte auch den hinteren Fender schön ausladend runterziehen und das Nummernschild hochsetzen …

Zur Erinnerung: Die alte Fat Boy ließ sich geradezu spielerisch in die Ecken schmeißen. Gutmütig, willig, lässig. Jetzt ist es ein einziger K(r)ampf. Total daneben. Das sind so die Momente, in denen man sich fragt, ob nicht irgendein Harley-Entscheider die Mühle vor Serienfertigung Probe fährt und die Ingenieure anschließend fragt, ob es eigentlich noch geht? Form follows function? Nee, wahrscheinlich sollte die neue Fat Boy einfach fett aussehen – völlig egal, wie sie hinterher durch die Kurven eiert.
Wir werden im Laufe der neuen Saison versuchen, der Neuen eine fahrdynamisch sinnvolle Bereifung zu spendieren. Da Motor und Fahrwerk grundsätzlich einen deutli­chen Schritt nach vorn darstellen und die Maschine überdies fünfzehn Kilogramm Gewicht verloren hat, wäre es doch unsäglich, die Neue an der Besohlung scheitern zu lassen. Wie gut die neuen Softails funktionieren, zeigen die weniger dick gummierten Schwestermodelle, mit denen sich von der Serpentine bis zur schnellen Wechselkurve alles leicht und lässig durcheilen lässt.
Viel Liebe zum Detail: Wenn man sich vom Alten löst, ist die 2018er Fat Boy (linksim Bild) ein durchaus gelungenes Motorrad
Fazit
Die Bewertung eines Motorrads setzt sich zusammen aus Motor, Fahrwerk und Optik. Der Antrieb der 2018er Fat Boy ist in allen Belangen besser, das Fahrwerk ebenfalls. Die 49er-Telegabel bügelt glatt, wo die alte 41er am Flattern war. Das neue Zentralfederbein federt und dämpft ebenfalls spürbar einfühlsamer als die beiden unterhalb des Motors liegenden Stoßdämpfer der alten Softails – von der deutlich größeren Schräglagenfreiheit der Neuen ganz zu Schweigen. All dies wird jedoch durch die unglücklich gewählte Fettbereifung zunichtegemacht, denn die FLFB wabert um die Ecken wie ein besoffener Cyborg. Dabei gerät fast zur Nebensache, dass das neue Outfit eigentlich sehr geil ist.


Technische Daten Fat Boy 2017 (FLSTF)
Motor: High Output Twin Cam 103B
Bohrung x Hub: 98,4 x 111,1 mm
Hubraum: 1690 ccm
Ventiltrieb: ohv-Zweiventiler, Steuerung über Stößelstangen und Kipphebel
Gemischaufbereitung: elektronische Kraftstoffeinspritzung, 46 mm Saugrohr
Leistung (laut Hersteller): 75 PS bei 5020 U/min
Drehmoment (laut Hersteller): 126 Nm bei 3000 U/min
Getriebe: Sechsgang
Sekundärtrieb: Zahnriemen
Radstand: 1630 mm
Lenkkopfwinkel: 32°
Gabelwinkel: –
Nachlauf: 147 mm
Bereifung: vorn 140/75 R17, hinten 200/55 R17
Leergewicht (fahrfertig): 333 kg
Tankinhalt: 18,9 l (davon 3,8 l Reserve)
Sitzhöhe ohne Fahrer: 670 mm
Preis:  ab 21.595 Euro, inkl. Nebenkosten



Technische Daten Fat Boy 2018 (FLFB)
Motor: Milwaukee-Eight 107
Bohrung x Hub: 100,0 x 111,1 mm
Hubraum: 1745 ccm
Ventiltrieb: ohv-Vierventiler, Steuerung über Stößelstangen und Kipphebel
Gemischaufbereitung: elektron. Kraftstoffeinspritzung, 55 mm Saugrohr
Leistung (lt. Hersteller): 87 PS bei 5020 U/min
Drehmoment (lt. Hersteller): 145 Nm bei 3000 U/min
Getriebe: Sechsgang
Sekundärtrieb: Zahnriemen
Radstand: 1665 mm
Lenkkopfwinkel: 32°
Gabelwinkel: 32°
Nachlauf: 104 mm
Bereifung: vo. 160/60 R18, hi. 240/40 R18
Leergewicht (fahrfertig): 317 kg
Tankinhalt: 18,9 l (davon 3,8 l Reserve)
Sitzhöhe ohne Fahrer: 675 mm
Preis:  ab 21.695 Euro, inkl. Nebenkosten

 
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Stand:16 August 2018 17:42:03/fahrtests/fat+man+-+vergleichstest+fat+boy+alt+gegen+fat+boy+neu_171228.html