Die neuen Harleys 2015 - Ein Fahrbericht

21.11.2014  |  Text: Dr. Heinrich Christmann  |   Bilder: Markus Jahn
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Die neuen Harleys 2015 - Ein Fahrbericht
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In der letzten Ausgabe haben wir die neuen Tourer von Harley mittels Pressematerial vorgestellt, inzwischen sind wir alle Neuheiten bereits gefahren. Hier unsere ersten Eindrücke.
Street Glide Special, Road Glide Special und Electra Glide Ultra Limited Low heißen die Neuhei­ten aus Milwaukee. Wobei das Neue an der Street Glide Special sich im Grunde auf neue Lackfarben, Pinstripes und ein deutlich aufgewertetes Infotainmentsystem bezieht. Hinsichtlich des Motors, des Rolling Chassis und der Bremsen ist die 2015er Street Glide Special völlig identisch mit dem Vorjahresmodell, und selbstredend fährt sie sich entsprechend identisch. Seit dem Modelljahr 2014 rollt die Street Glide bekanntlich statt mit dem vormaligen 18-Zoll-Vorderrad auf einem stylischen 19-Zoll-Rad mit Niederquerschnittsbereifung. Wie sich erfreulicherweise herausstellte, tut das dem Handling in schnellen Wechselkurven aber keinerlei Abbruch. Die Street Glide Special ist mit 272 Kilo fahrfertigem Gewicht für Touring-Verhältnisse relativ leicht, die „kleinere“ Schwester Road King Classic wiegt nur ein einziges Kilo weniger. Somit profitiert nicht nur die Optik der Street Glide vom Weglassen des vielen Zierrats, den die E-Glide-Modelle mit sich herumschleppen müssen, sondern auch die Fahr­barkeit. Die Street Glide avanciert zusammen mit der Road King zu einer der fahr­aktivsten Harley-Motorräder überhaupt.

Die Street Glide Special gehört zu den fahraktivstenBikes im Big-Twin-Programm und ist durch die Verbesserungen des Projects Rushmore gereifter denn je

Auch die neue Street Glide Special profitiert selbstverständlich von all den Verbesserungen, die im Rahmen des Projects „Rushmore“ im Modelljahr 2014 eingeführt wurden. Ergonomischere Schalter, optimier­ter Windschutz durch den waagerechten, „Splitstream“ genannten Hinterströmungsschlitz in der Verkleidung  und deutlich effektivere Bremsen inklusive dynamischer Bremskraftverteilung. Ein anderes Erbe muss nicht jedem gefallen. Gemeint ist der Leistungsschub, der abrupt einsetzt, sobald die Drehzahl des Motors über 3000 U/min schnalzt. Dann nämlich geht die Klappe zum lauteren rechten Endtopf auf, das dann plötzlich auftretende spürbare Plus an Power war bei den Testfahrten nicht in jeder Fahrsituation will­kommen. Hier wäre ein wenig Feinabstimmung wünschenswert. Regelrecht ärgerlich ist der Unfug mit den viel zu kurzen Windschutzscheiben.

Die Street Glide Special wird mit einer besonders kurzen Scheibe ausgeliefert, Menschen über 1,75 m bekommen nicht nur die volle Packung Fahrtwind mitten ins Gesicht, auch der durch den Aufprall des Fahrtwind aufs Gesicht verursachte Lärm ist bei Geschwindigkeiten über 80 km/h extrem unangenehm. Hier muss der Zubehörhandel ran, denn selbst die etwas höhere Scheibe einer Ultra Limited, die wir für einen 2500 Kilometer-Trip montiert hatten, brachte kaum Verbesserung. Das an der Special verbaute Infotainment­system mit der illustren Bezeichnung „Boom! Box 6.5 GT“ erwies sich einerseits als segensreich, weil ein Navi integriert ist, andererseits ist die Bedienung des Systems trotz Touchscreen nicht gerade selbsterklärend. Genervt hat auch, dass das Navi bei unserem Testexemplar am hellichten Tag bei Tunneldurchfahrten zwar eigenständig auf Nachtmodus umgestellt hat, nach den Tunnels aber nicht mehr auf Tag-Modus umswitchte. Da ist noch Programmierungsbedarf …  

Dieses Modell kommt mit dem Jahrgang 2015 erstmals offiziell nach Europa.Die in den USA erhältliche normale Road Glide wird nicht in Europa angeboten

Die Road Glide Special ist eigentlich die einzige echte Neuheit des Modelljahrs 2015. Zwar gibt es Road Glides bereits seit 1998, offiziell nach Europa importiert wurden sie allerdings nie. 2014 war dann weltweit Pause, es gab das Modell auch nicht auf dem Heimatmarkt USA. Die fürs Modelljahr 2015 völlig überarbeitete, neue Road Glide kommt in der Version „Special“ (d.h. mit dem Infotainmentsystem Boom! Box 6.5 GT) jetzt erstmals auch offiziell zu uns. Wir waren überaus gespannt, wie sich dieses neue Modell mit der extrem auffälli­gen, rahmenfest montierten Frontverkleidung wohl fahren würde, und bekamen die Antwort auf den mit Kurven gespickten Landsträßchen des Obersalzbergs nahe Berch­tesgaden. Dabei muss man wissen, dass die Road Glide – mit Ausnahme der gänzlich anders geformten und grundlegend anders befestigten Frontverkleidung – technisch ansonsten völlig identisch ist mit der Street Glide. Ab dem Lenkkopf nach hinten sind die beiden Modelle absolut gleich.

So gesehen müssten sie auch das gleiche Fahrverhalten an den Tag legen. So zumindest die Theorie. Ist aber nicht so! In der Praxis erwies es sich nämlich, dass die monumentale, wie eine Schrankwand weit vor dem Lenkkopf sitzende Shark-Nose-Verkleidung der Road Glide das Einlenkverhalten des Fahrzeugs spürbar beeinflusst. Das Ganze hat nichts mit der Art der Befestigung zu tun, sondern mit dem immensen Gewicht und der extrem hohen Schwerpunktlage dieser Verkleidung. Fakt ist: Die Road Glide wiegt satte 12 Kilo mehr als die Street Glide und diese 12 Kilo Mehr­gewicht stecken komplett in dieser Verkleidung. Deren Gewicht spürt man sogar schon, wenn man das Motorrad im Stand nur vom Seitenständer in die Vertikale wuchtet. Beim Einlenken in Kurven geriert sich die Front der Road Glide deshalb viel indifferenter als etwa die der Street Glide, im direkten Fahrvergleich der beiden (das war am Obersalzberg möglich) sind die Unterschiede frappierend. Hinzu kommt, dass der Lenker der Road Glide viel weiter nach hinten zum Fahrer hin orientiert ist, was dem Gefühl fürs Vorderrad zusätzlich abträglich ist.

Es gibt aber auch Gutes zu berichten. Wer wenig Kurven, aber viel Strecke oder gar Autobahn fährt, sollte die Road Glide durchaus in Betracht ziehen. Die Schrankwand hat nämlich auch Vorteile. Hinter ihr sitzt es sich bis etwa 1,85 m Körpergröße gemütlich, noch größere Menschen bekommen ein bisschen was vom Fahrtwind an den Kopf. Die Verkleidung hat gleich drei „Splitstream“-Öffnungen, die gewollte Hinterströmung funktioniert richtig gut, Road Glides qualifizieren sich damit als richtige Freeway-Tiere. Und ja, noch was: Ihre markanten, so genannten „Daymaker“-Doppelscheinwerfer sind so ziemlich das beste, was wir jemals an Motorradbeleuchtung gesehen haben. Damit wird die Nacht tatsächlich zum Tag.

Durch eine Tieferlegung um25 Millimeter und weitere sinnvolle Modifikationen haben auch kleinere Personen diese E-Glide sicher im Griff

Die mit vollem Namen Electra Glide Ultra Limited Low getaufte dritte Neuheit ist im Grunde ein Derivat der normalen Ultra Limited, die es schon eine Weile gibt. Allerdings haben die Ingenieure es sich mit dem Tieferlegen nicht leicht gemacht. Das Fahrwerk wurde an Front und Heck jeweils um 2,5 Zentimeter abgesenkt, was auch den Schwerpunkt absenkt und das Aufrichten vom Seitenständer erleichtert. Der dünnere Lenker mit entsprechend dünneren Griffen ist weiter nach hinten zum Fahrer hin geführt. Die Sitzbank ist stark abgepolstert und im vorderen Bereichschmaler. Außerdem kommen einklappbare, schlanke Soziustrittbretter und ein verlängerter Ausleger des Seitenständer zum Einsatz. Last but not least wurde sogar ein eigens dafür hergestellter schmalerer Deckel auf den Primärtrieb geschraubt, um kurzbeinigen Zeitgenossen das Leben mit der 414 Kilo schweren Wuchtbrumme zu erleichtern. Äußerlich sieht man von diesen Modi­fikationen eigentlich wenig, lediglich der dünnere Lenker fällt altgedienten Harley-Kennern auf. Das Handling und das Fahren funktionieren unauffällig gut, allerdings ist der Testfahrer ein Kerl von knapp über 1,90 m. Festhalten können wir zumindest, dass die Schräglagenfreiheit durch das Absenken des Fahrzeugs nicht signifikant gelitten hat, in den Alpen war bei artgemäßem Cruisen immer noch ein wenig Luft zwischen den Trittbrettkanten und dem Asphalt.    

FAZIT
Die Street Glide Special ist ein super schickes Gerät ohne viel Firlefanz und mit viel Spaßpotential. Die wird ihren Weg auch bei uns machen. Bloß mit der Höhe der Windschutzscheibe muss was geschehen. Die Road Glide Special ist ob ihrer  enormen Verkleidung – nomen est omen – wirklich sehr speziell. Das Trumm an der Front spürt man bei jedem Einlenken, bei Geradeausfahrt ist der gebotene Windschutz allerdings eine Wucht. Wir sind gespannt, wie das Modell vom Markt angenommen wird. Die punktuellen Modifikationen, die aus der Ultra Limited eine „Low“ machen, passen. Damit wird es kleiner gewachsenen Menschen deutlich leichter gemacht, ein echtes Harley-Dickschiff zu handlen
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Stand:20 January 2019 06:15:40/fahrtests/die+neuen+harleys+2015+-+ein+fahrbericht_1411.html