Harley-Davidson CVO Street Glide - Fahrbericht

17.07.2015  |  Text: Dr. Heinrich Christmann  |   Bilder: Volker Rost
Harley-Davidson CVO Street Glide - Fahrbericht Harley-Davidson CVO Street Glide - Fahrbericht Harley-Davidson CVO Street Glide - Fahrbericht
Harley-Davidson CVO Street Glide - Fahrbericht
Alle Bilder »
Eine Street Glide ist an und für sich schon ein richtig gutes Möppchen. Wenn dann auch noch der 1800er-Twin-Cam und reichlich Chrom ins Spiel kommen, fährt man ganz weit vorn
Jahrelang gab’s im Pressefuhrpark keine CVO-Harley mehr. „Brauchen wir nicht, wollen wir gar nicht!“, hieß es auf Nachfrage beim Importeur. „Wir wollen nicht, dass das Thema so hoch gehängt, denn wir bekommen nicht genügend Exemplare. Die 250 bis 300 Exemplare, die den Weg hierher finden, sind meist schon verkauft, bevor sie gebaut sind“, klärte uns der damalige Brand Manager des Importeurs, Bernhard Gneithing, vor einigen Jahren auf (damalig deshalb, weil „Burnhart“ inzwischen selbst H-D Vertragshändler in Stuttgart Böblingen ist).

Und weil die Edeldinger so rar sind, haben wir natürlich sofort zugegriffen, als uns eine zum Testen angeboten wurde. Das machen wir aber nicht, weil wir so endgeil auf überbordend verbauten Chrom sind. Vielmehr stellen die CVO-Modelle (früher hießen sie mal „Screamin’ Eagle“-Modelle) stets die technische Speerspitze bei den Luftgekühlten der Company dar. Und sie geben einen Vorausblick, was uns künftig im Twin-Cam-Segment erwartet könnte, denn als die Großserien-Twin-Cams noch 88 Kubikinch hatten, waren die CVOs mit dem 103-cui-Motor bestückt. Als die Großserie dann zunächst 96 cui, und dann 103 cui bekam, hob Harley den Hubraum der CVO-Baureihe auf 110 cui an. Man muss also kein Hellseher sein, um zu orakeln, dass der 110er der neue Großserienmotor werden könnte. Was auch Sinn machen würde, denn Konkurrent Indian bietet in seiner großen Baureihe auch knapp über 1800 Kubik. Und der 120er-Schlegel – um sich vom Serienhubraum abzuheben – liegt bei Harley schon jahrelang im Regal …

Und weil wir skeptische Buben sind, glauben wir selbstredend keinem Marketinggeschwätz, sondern messen lieber selbst nach. Und siehe da: Diese CVO Street Glide im agressiv gelb-schwarzen Hornissen-Ornat erwies sich als die stärkste kleinstserienmäßige Harley-Davidson, die wir jemals auf dem Prüfstand hatten. Vorher beim Fahren hatten wir schon gemerkt, dass das Gerät abgeht wie Schmidts Katze, auf dem Prüfstand hat sich unsere Vermutung dann aufs Erfreulichste bestätigt. Sage und schreibe 100,56 PS an der Kupplung wies das Messprotokoll für die Edel-Street-Glide aus, an der Kurbelwelle liegen somit sogar etwa 106 bis 108 PS an. Eine Menge Holz für eine luftgekühlte Harley, die nicht getunt ist. Auch beim Drehmoment ordentlich Dampf. Die gemessenen, auf die Kupplung hochgerechneten 146,3 Newtonmeter bedeuten, an der Kurbelwelle liegen gut und gerne 155 Nm an, so viel wie in den technischen Daten versprochen. Ein feines Stück Motor!

Merkmale der CVO-Modelle: kräftigere Motoren, edlere Ausstattung, viel Chrom und eine extravagante Lackierung

Angesichts dieser vergleichsweise hohen Performance war es außerordentlich erfreulich, dass das Thema „schlechte Bremsen“ bei den Tourern seit der „Rushmore“-Offensive keines mehr ist. Die Bremsen unseres CVO-Testers erschienen uns sogar nochmals besser, nochmals nachgeschärft. Was Verzögern angeht, gibt’s jetzt nichts mehr zu meckern.

Stark verbesserungswürdig ist nach wie vor die Bedienung des Bordcomputers und der bordeigenen HiFi-Anlage. Geschlagene 15 Minuten haben fünf Leute, davon drei junge Hüpfer aus der Generation „Playstation“, gebraucht, um die Lautsprecher, die bei Anlieferung des Bikes zufällig gesperrt waren, zu entsperren. Komplett nervig, intuitive Bedienung geht jedenfalls anders! Dummerweise war auch das Navi während des gesamten Testzeitraums nicht zum Arbeiten zu bewegen.  Es meldete stets „Navi nicht bereit. Bitte warten“ und das war’s dann, stundenlang. Und wenn wir schon beim Rummäkeln sind, sei erwähnt: Auch die etwas anders geformte, dunkel getönte  Verkleidungsscheibe der CVO-Version ist viel zu kurz, größer gewachsene Fahrer bekommen die volle Ladung Wind, die die Badwing-Verkleidung sammelt, volle Lotte ins Gesicht und auf die Ohren. Bei der Konkurrenz gibt es für 12.000 Euro weniger ein vergleichbares Fahrzeugkonzept mit (auch während der Fahrt) elektrisch in der Höhe verstellbarem Windschild.

Besonders die Bremse mit den schwimmend gelagerten Scheiben erwies sich als nochmals besser als die Serie

FAZIT
Ein überraschend kräftiger Motor, tolle Bremsen, luxuriöse Details in annähernd jedem Bauteil – die CVO Street Glide macht schwer was her. Sie marschiert, wie solch ein schweres Motorrad marschieren sollte, das Fahrwerk ist all dem locker gewachsen, das Fahren mit ihr macht richtig Spaß. Hoffentlich bringt Harley diesen 110er- Motor bald für die Serie. Denn die 38.035 Ocken für solch einen CVO-Tourer hat nicht jeder in der Portokasse, jeder künftige Twin-Cam-Fahrer würde sich aber über diesen leckeren Motor freuen. Kommt schon, Milwaukee-Mannen, gebt Euch einen Stoß!
  Teilen
Topseller im Shop
Stand:20 January 2019 05:21:46/fahrtests/cvo+street+glide_157.html