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Irgendwie hat Daytona den Schuss nicht gehört. Dramatischer Besucherrückgang, bedeutungslose Bikeshows und ein nur noch nerviges Affentheater in der Main Street zeugen vom Niedergang der einst größten Motorradveranstaltung weltweit …
Am Ende der Main Street grient dich Donald Trump an. Ja, auch in Daytona gibt’s kein Entrinnen, überall werden Shirts mit dem mehr schlecht als recht hineinmontierten Konterfei des neuen US-Präsidenten feilgeboten. Es ist nicht überliefert, ob Trump Motorrad fährt, auf den Shirts aber sitzt er in Terminator-Manier auf einer Fat Boy, mit Hillary Clinton als gerade runterfallender Sozia hintendrauf: „If you can read this, the bitch fell off.“ Haha, sagenhaft neuer Gag. Alternativ gibt’s noch Sprüche wie „Finally someone with balls“ oder natürlich das unvermeidliche „Make America great again“ mit diversen Sons-of-Anarchy-Motiven.



Aber dass Trump am westlichen Ende der Main Street einen eigenen Promotion-Stand hat, umsäumt von riesigen Fahnen und Bannern, wo es vom Hoodie bis zur Gürtelschnalle allen möglichen Trump-Tinnef zu kaufen gibt, ist nicht nur ziemlich krass, es ist fürs europäische Gemüt schon ein Stück weit bedenklich. Man stelle sich vor, auf den Hamburg Harley Days gäbe es einen riesigen Angela-Merkel-Stand mit Durchhalteparolen-T-Shirts und Wir-schaffen-das-Handtaschen – ein außerordentlich befremdlicher Gedanke. Aber genug davon, es ist Mitte März, die 76. Daytona Beach Bike Week hat gerade begonnen. Am ersten Wochenende ist es erschreckend ruhig in der Stadt. Die Temperaturen fallen in den Keller, weil selbst in Florida die Ausläufer eines riesigen Sturmtiefs zu spüren sind, das gerade alle Neuenglandstaaten unter einer dicken Schneeschicht begräbt. Für Florida sind Regen und Sturm angesagt …



Dieses Jahr „nur“ drei tote Biker
Bereits seit der großen Immobilien- und Bankenkrise in den Jahren 2007/2008 machen sich immer weniger Biker auf den Weg nach Florida. „Auf dem letzten Biketoberfest war definitiv mehr los als jetzt“, ist sich Edmund aus Trier sicher, mit dem wir am Rande des Kraut-Meetings sprechen. Die halbe Million Besucher jedenfalls, von der schon seit Jahrzehnten die Rede ist, kommt schon lange nicht mehr. Rückschlüsse auf die tatsächliche Besucherzahl lässt die Unfallstatistik zu. Anfang des Jahrtausends starben noch Jahr für Jahr zwischen sechzehn und achtzehn Biker bei Unfällen während der Bike Week. Im letzten Jahr waren es vier, in diesem Jahr verloren sogar „nur“ drei ihr Leben. Dazu Daytonas oberster Sheriff: „Es hat sich nichts an der Verkehrspolitik geändert, weshalb wir den Rückgang an Todesopfern nur mit dem Rückgang an Besuchern begründen können.“ Rechnet man das Pi mal Daumen um, dürften in diesem Jahr um die 150.000 Biker in Daytona gewesen sein. „World’s largest Motorcycle Event“ trägt die Rennstadt am Atlantik somit nicht mehr aus.


Ratte mit Träne im Knopfloch
Die Bike Week ist heute eher eine Regionalveranstaltung. Die große Masse kommt aus den nahegelegenen Staaten Georgia, South Carolina, Mississippi, Tennessee und Alabama. Kaum jemand ballert heute noch von Kalifornien aus rüber an die Ostküste; auch die Customizer nicht. Vor dem großen Wirtschafts-Crash vor zehn Jahren waren sie alle da, sogar aus New York und dem fernen Oregon und Washington State, damals zeigten sie ihre im Winter gebauten neuen Eisen her, die Rat’s Hole Show war die wichtigste Bikeshow überhaupt, eine Trophäe auf der Boardwalk-Show glich einem Ritterschlag für den Customizer. Jetzt stehen nur noch ein paar müde Umbauten auf dem Hinterhof des Indian-Händlers und Big Daddys grüne Ratte hat eine Träne im Knopfloch ob des Trauerspiels. Irgendwas ist da mächtig falsch gelaufen …

Coole Chopper und toughes Old-School-Material gibt es ohnehin nur an ein paar Stellen zu sehen. Ansonsten dreht sich alles um Tourer und Bagger mit idiotisch großen Vorderrädern, dämlich geschwungenen Koffergeschwüren mit fetten Subwoofern am Heck und iPad-Dashboards in der ausladenden Frontverkleidung. Jeder Spako baut sich heutzutage eine 1000-Watt-Anlage in seinen Kofferfisch und beschallt damit halb Florida. Das finden auch die Chicanos und Afro-Amerikaner dufte, die mit völlig überkandidelten Glitter-Baggern nochmal eins draufsetzen (gefühlte 5000 Watt) und die Main Street mit Gangster-Rap und Chicano-Pop aufmischen. Nach einer halben Stunde bluten einem förmlich die Gehörgänge, zumal dazu gleichzeitig immer wieder auch ein live und volle Kanne intoniertes „Sweet Home Alabama“ irgendeiner Coverband aus einem der Open-Air-Saloons die Trommelfelle malträtiert. Das Ganze begleitet vom Geballer mehrerer hundert offener Auspuffanlagen – ein einziger Wahnsinn.

Eines der besseren Bikes in der Stadt, aber wollen Sie einen 360er-Vorderreifen einlenken müssen?

Back to the Racing-Roots
Dennoch: Auch diesen Wahnsinn sollte man mal erlebt haben. Die Atmosphäre mit Sonne, Meer und Motorradparty lässt keinen kalt. Die Möglichkeiten Spaß zu haben sind in all den Saloons, auf den Partys, Swap Meets und Campgrounds, Bikeshows und nicht zuletzt auf den vielen verschiedenen Rennen ohnehin immer geboten. Denn das ist am Ende die gute Nachricht: Es gibt wieder deutlich mehr Racing in und um Daytona – und das nicht nur auf dem großen Speedway, wo ja während der Bike Week traditionell Hypersport-Motorräder bei den Daytona 200 an den Start gehen. In diesem Jahr gab es auch ein besonders spannendes Rennen im Infield des großen Renn-Ovals. Am Donnerstagabend stieg der erste Lauf zur in den Staaten sehr populären American-Flat-Track-Serie. Besonderes Augenmerk galt hierbei der Tatsache, dass die großen Konkurrenten Harley-Davidson und Indian jeweils mit einer völlig neu konstruierten Rennmaschine gegeneinander und gegen die mit japanischen Motoren ausgestattete übrige Konkurrenz antraten. Die Spannung war entsprechend groß. Indes, sie blieb es nicht lange, denn während der Rennen erwies sich die neue Indian FTR 750 als dermaßen überlegen, Harley und die anderen hatten zu keinem Zeitpunkt Chancen auf den Sieg. Das Ergebnis im Finallauf: Platz 1 und 2 gingen an die Indian-Werksfahrer. Nur so zur Info: Neun Tage später rippten die Indian-Fahrer die Konkurrenz beim zweiten Lauf in Woodstock bei Atlanta/Georgia noch schlimmer, dort standen alle drei angetretenen Indian-Fahrer einhellig auf dem Podest. Und – kein Aprilscherz! – eine Woche später beim dritten von insgesamt achtzehn Läufen in Charlotte holten sich zwei der drei gestarteten FTR-Piloten wiederum die ersten beiden Plätze. Böse Welt also für die Harley-Davidson-Werks-Crew, sieht ganz danach aus, dass da eine Menge Arbeit zu leisten ist.

Die Germans, bzw. die, die aufs Bild wollten. Treffpunkt ist jedes Jahr donnerstags um 12.00 Uhr Ecke Main Street/Boardwalk

Neu erdacht und vom Publikum gut angenommen wurden Billy Lanes Vintage-Rennen unter dem Motto „Sons of Speed“. Um die fünfzehn Bikes, alle Motoren um die hundert Jahre alt, traten auf dem New Smyrna Speedway an. Und das alte, aber sympathische Material, das weder Getriebe noch Kupplung noch Bremsen hat, wurde von den wagemutigen Fahrern und Fahrerinnen durchaus beherzt in die Steilwände gescheucht. Die Show war gut, wenn auch ein bisschen zu lange Pausen entstanden. Und der eigens engagierte Pacemaker auf einer Big Twin sollte beim nächsten Mal vorher einfach ein paar Drogen weniger nehmen, dann klappt’s vielleicht auch ein einziges Mal mit einem korrekten Rennstart. Sie sehen, die Rennstadt Daytona Beach besinnt sich langsam auf ihre Wurzeln: Daytona 200, Moto Cross, Flat Track und Boardtrack-Racing mit Vorkriegsmaterial, es ging heftig zur Sache. Gut so, denn so fing es ja damals schließlich auch an, vor schlanken 76 Jahren.
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