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Die legendäre Daytona Bike Week hat als Event ihre besten Tage augenscheinlich hinter sich. Von Jahr zu Jahr wird alles dort weniger, immer mehr Besucher, Händler und Customizer bleiben der Biker-Sause fern
Es wäre meine zwanzigste Bike Week im nächsten Jahr, das erste Mal war noch im alten Jahrtausend. Da war Big Daddy Rat noch am Start, seine Bikeshow, die Rat’s Hole Show, die weltweit wichtigste Showbühne für Schrauberwahnsinn. Heute zieht die Nummer sein Sohn Teddy durch, ein wahrhaftiger Underperformer. Ganze 85 Motorräder waren 2019 auf der Rat’s Hole Show am Start. Gut die Hälfte davon Schwuchtel-Bagger, kaum fünf Mopeds zum Niederknien. Man lässt das werte Publikum natürlich wissen, dass es die „Biggest Show with the most bikes ever“ sei. Aha. Na ja, früher waren es an die zweihundert. Egal. Nicht anders sieht es auf der Boardwalk-Show aus. Größtenteils belanglose Mopeds, ein paar Kitscheimer mit Drachen oder anderem Fantasy-Gedöns, viel Schund und eine Handvoll zweirädriger Perlen. Harleys Ride-in-Show, auf der vor vier Jahren noch Willie G. himself jedem „Runner up“ persönlich die Hand schüttelte, wurde erst umgetopft, dann eingedampft; schließlich sollte sie nur noch im Web stattfinden (was bei einer Ride-in-Show ja irgendwie leicht am Thema vorbeigeht). Nun isse tot. So ist das mit dem Virtuellen – nix als Einsen und Nullen … Das Siechtum der altehrwürdigen Daytona-Bike-Shows schreitet weiter voran. So weit nichts Neues.

Wer dieses Fotos machen will, muss früh anreisen, denn die Mainstreet ist nur am ersten Bike-Week-Wochenende für Autos gesperrt.

Die Oldschool-Szene lebt
Relaxte Zusammenkünfte cooler Jungs mit coolen Bikes wie die Oldschool-Chopper-Show bei Willie’s Tropical Tattoo stehen dagegen in voller Blüte: Reichlich handgemachtes Material, im Vergleich zu den letzten Jahren klar ansteigende Qualität. Selbst am Mikrofon hat man dazugelernt und nennt Gäste, Teilnehmer und Pokalgewinner nur noch ein- bis zweimal pro Minute „Motherfucker“ – und das in deutlich gedämpftem Bariton. Tattoo-Willie hat letztes Jahr geheiratet, da wird man ruhiger. Seine Lady scheint ihren Job zu verstehen … Ja lassen sich denn nicht gerade auf solch einer Veranstaltung Customtrends erkennen? Ja, klar – die Springergabel ist zurück. Als ob sie jemals weggewesen wäre. Und der Reifenwahnsinn treibt neue seltsame Blüten. Ohne Scheiß! In Rossmeyers Destination Daytona stand ein Bagger, dessen Vorderrad einen Reifen im Format – Achtung! – 180/50-23 trug (siehe Bild unten links).

Bagger, Bagger und nochmals Bagger, hier auf der ziemlich schwach bestückten Boardwalk Show

Empfehlenswert für Alteisen-Freaks ist die Boogie East Chopper Show im Annie Oakley’s Saloon – dieses Jahr erst zum zweiten Mal am Start, eine schöne Mischung aus Easy Going und Rock ’n’ Roll. Die Sause steigt unter Palmen, im trockengelegten Sumpf zwischen Iron Horse Saloon und dem gleichermaßen gigantischen wie spaßbefreiten Kauf-mich-oder-finanzier-mich-Wonderland des örtlichen Harley-Dealers – des weltweit größten versteht sich. War dort vielleicht irgendetwas Zukunftsweisendes zu entdecken? Die Antwort lautet: nein. Die immer gleichen Tourer und Bagger mitsamt Zubehörschlonz für Leute, die 32-Zoll-Räder in der Forke und doppelmastige Navi-Getränke-Halterungen im Billet-Design am Lenker für ultimativ geil halten. Tristesse am Ende der Mainstreet, wo einem nach Überquerung des Halifax-River gähnende Leere erwartet: Hier, in der North Beach Street, stand früher die Crème de la Crème der internationalen Customszene – von Arlen Ness bis Marcus Walz. Vor ein paar Jahren wurde schon das West-Areal von einem Immobilen-Fonds geschluckt und verrammelt, jetzt ist die Ostseite für angeblich achtzig Millionen Dollar weggeschnupft worden. Einzig der Indian-Händler ist übrig geblieben. Auch legendäre Harley-Läden wie Carl’s Speed Shop oder Robison’s, der für Harley früher die XR-Triebwerke getunt hat – sind dicht. Das Areal rund um Miller’s und den Skaterpark, wo die Styler residierten – alles platt. Lediglich das legendäre „Last Resort“, in den letzten Jahren eine ziemlich öde Ansammlung von Bier- und Corn-Cob-Buden, ließ in diesem Jahr ein wenig aufhorchen, denn dort trafen sich am letzten Bike-Week-Samstag die Coolsten der Coolen zu einem kleinen, feinen Stelldichein. By the way: Der weltberühmte Baum im Last Resort, an dem in den wilden 60ern und 70ern massenweise japanische Motorräder gehängt und dann auch noch erschossen wurden, steht nur noch als Gerippe. Er starb den Alterstod, in seinen Überresten gammeln immer noch reichlich Japaner-Bikes vor sich hin.



Verringertes Engagement
Bleibt nur noch der Speedway als großer Hotspot. Drinnen ballern die US-Superbike-Heroen durch die Steilkurven, driften die weltbesten Flat-Tracker um Ruhm und Kohle, während auf dem weitläufigen Areal des amerikanischen Rennsportmekkas die Hersteller ihre Zelte aufschlagen, in diesem Jahr beschämend mickrig. Egal ob die Japaner, Indian oder Harley: Alle Big Player haben ihr Daytona-Engagement extrem zusammengeschrumpft. Da werden keine Umbauten mehr gezeigt, keine Stuntshows, nichts. „Es sind ja keine Leute mehr auf der Bike Week, das lohnt sich für uns nicht mehr“, verrät uns achselzuckend die Honda-Chefin. Sie übertreibt etwas, nur sind es halt keine halbe Million mehr wie in den besten Zeiten, sondern geschätzt 75 Prozent weniger. Sagen wir mal so: Wer heute das erste Mal auf die Bike Week kommt, den dürfte es trotzdem noch umhauen. So viel Motorcycle-Loudness, so viel buntes und verrücktes Mopedtreiben bei so viel Sonne und atlantischem Meeresrauschen gibt es sonst nirgends. So viele toughe Ladys, die getunte Hayabusas und die dicksten Big Twins lässig durch die Stadt pilotieren, auch nicht. Und wenn du dich abends, mit ein paar Jackys im Hals und unter wüstem Geschrammel einer zweitklassigen Coverband mit Charly aus North Carolina verbrüderst, ist es dir scheißegal, wie viele Hotspots und Custombikes Daytona noch bietet. Dann weißt du, dass du hier richtig bist. Und dass du nächstes Jahr wieder kommen wirst.“
Artikel aus der Ausgabe: 2/19
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