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Im Falle von Siegfried Schäfers Sportster XLCH kann man die Überschrift fast wörtlich nehmen, denn das Teil ist während einer Ausfahrt beinahe vollständig abgefackelt
Dreißig Jahre lang bin ich kein Motorrad mehr gefahren“, erzählt Siegfried Schäfer, „damals, als junger Kerl, hatte ich einen unverschuldeten Crash mit einem gegnerischen Auto. Das Resultat: Unterschenkelfraktur. Da habe ich es sein lassen.“ Doch vor sechs Jahren legt sich Siegfrieds Sohn eine Maschine zu. Es kommt, wie es kommen muss: Der Motorradvirus schlägt zu, Siegfried wird vom Bikerfieber gepackt. Allerdings macht er sich Gedanken, welche Art Motorrad für ihn passend wäre. Mit seinen 55 Lenzen will er lieber cruisen statt rasen. Also durchforstet er das Internet nach einer Harley, und wie es der Zufall will, stößt er nicht allzu weit entfernt von seinem Wohnort im Schwabenländle auf eine XLCH Ironhead des Baujahres 1971. Die steht in Pforzheim, wurde 1992 aus den USA eingeführt und hatte dort nur einen Vorbesitzer. Der neue deutsche Besitzer meldet das Bike im Jahr 2008 ab und benutzt es fortan als Dekoration in seinem Ladenlokal, in dem er selbst hergestellte Ledertaschen verkauft.

Bei der Besichtigung in einer Pforzheimer Tiefgarage springt das Bike auf den zweiten Kick an, Siegfried und der Verkäufer werden sich schnell handelseinig. Schon am nächsten Tag holt Siegfrieds Sohn das Motorrad ab. „Ich brachte es in eine Harley-Werkstatt. Ich wollte einen kompletten Kundendienst mit Ölwechsel, neuen Zündkerzen und allem drum und dran, schließlich gab’s auch noch zwei Jahre frischen TÜV.“



Über die Jahre bilden sich neue Freundschaften zu Bikern, praktischerweise besitzt ein alter Schulfreund ebenfalls eine Harley. Bei gutem Wetter werden regelmäßig Ausfahrten gemacht, die XLCH macht null Probleme, springt immer zuverlässig an und fährt reibungslos. Doch dann passiert es: Am 15.11.2017 ist Siegfried auf Tour mit vier weiteren Harley-Fahrern. Man tourt durch die Löwensteiner Berge östlich von Heilbronn und besucht auch den Biker-Treff an der Aussichtsplattform bei Löwenstein. Nach kurzem Bestaunen der vielen Motorräder dort geht es weiter Richtung Wüstenrot zu einem Waldkaffee. Kurz nach dem Losfahren vom Waldkaffee weg passiert es dann. Einer der Motorradkumpels überholt Siegfried und gestikuliert und ruft, das Motorrad würde brennen. Siegfried schaut nach unten, sieht die Bescherung und hält am Straßenrand an. Geistesgegenwärtig macht er noch den Benzinhahn zu und die Zündung aus, aber das nutzt nichts.

Benzin fließt schon auf die Straße, das Motorrad steht lichterloh in Flammen. Natürlich hat keiner einen Feuerlöscher dabei, Siegfried steht erschrocken neben seinem Bike und muss tatenlos zusehen, wie seine seltene Ironhead abfackelt. Vorsichtshalber geht er etwas auf Abstand, denn schließlich könnte der Benzintank ja explodieren. Tatsächlich gibt es etwa fünf Minuten nach Ausbruch des Feuers einen lauten Knall und eine haushohe Stichflamme, als der Tankdeckel vom Tank gesprengt wird. Die Stichflamme reicht bis in die Wipfel eines Baumes, der Gefahr läuft, auch noch in Flammen aufzugehen. Doch Hilfe naht. Einer der Kumpel treibt in einem nahen Örtchen jemanden mit einem Feuerlöscher auf, der Brand kann nach geraumer Zeit gelöscht werden. Die Heimreise tritt das schwer beschädigte Bike in einem Sprinter an, die Versicherung wird später von einem Totalschaden reden. Doch Siegfried will das Bike nicht aufgeben: „Da mich das seltene Motorrad nie im Stich gelassen hat, kam für mich nur eine Restaurierung in Frage.“

Vom Vergaser blieb ein Aluminiumklumpen übrig

Zunächst kommt ein Dampfstrahler zum Einsatz, das Löschpulver muss weichen. Der Ruß lässt sich teilweise abwischen, es stellt sich raus, dass im Benzintank sogar noch drei Liter Benzin drin sind. Vieles ist unrettbar verbrannt, aber der Motor lässt sich einwandfrei durchtreten. Die komplette Elektrik und der Hauptkabelbaum sind verschmurgelt. Siegfried macht Bilder von den Elektroanschlüssen und der Verkabelung, damit der Zusammenbau später etwas leichter wird. Die Liste mit den benötigten Teilen wird lang und länger. Und es ist auch nicht sonderlich hilfreich, dass die XLCH selbst in den USA ein recht seltenes Modell ist. Viele Wochen fahnden Siegfried und sein Sohn Jürgen auf eBay nach Teilen. Cover und Kickstarterdeckel, Drehzahlmesser und Tachometer finden sie in den USA, Tankembleme in England, ein Hauptbremszylinder, die Bremsleitungen und ein Kupplungszug finden sich in Dresden. Den Hauptkabelbaum und die Lenkerschalter von einer 1974er XLCH können sie Hamburg auftreiben. Dazu gesellen sich neue Ölleitungen und Dichtungen, neue Ölschläuche, ein Griffset und Fenderstruts von einer 1973er XLCH und so Dinge wie Tacho- und Drehzahlmesserwellen, Zündspule, Zündung, Lichtmaschine, Öldruckschalter, Bremslichtschalter, neue Blinker und Spiegel und ein Mikuni-HSR40-Vergaser.

„Trotz Totalschadens kam für mich nur eine Restaurierung in BeTracht“

Beim Sandstrahlen der Lackteile stellt sich heraus, dass die originale Farbe ursprünglich ein Cremeweiß war. Und tatsächlich, 1971 gab es die XLCH in dieser Sonderfarbe mit roten und blauen Zierstreifen. „Für mich kam nur die Originalfarbe in Frage, die gefiel mir sofort“, so Siegfried. Tank, Frontfender und das Heck bekommen nach dem Grundieren den Originalfarbton Cremeweiß, die Zierstreifen werden per Siebdruckfolie hergestellt und später zusammen mit den Tankemblemen aufgeklebt. Den Abschluss bilden mehrere Schichten Klarlack. Und Siegfried? Ist mehr als zufrieden mit seiner Entscheidung, die XLCH nach dem Brand nicht aufgegeben zu haben, sondern sie wie Phoenix aus der Asche neu auferstehen zu lassen. „Als das Motorrad wieder zusammengebaut war, sah es noch viel schöner aus als zuvor“, freut sich der Sportster-Fan. Von uns jedenfalls kommt ein herzliches Dankeschön an Siegfried, denn ohne seine Standhaftigkeit gäbe es eine wunderhübsche seltene XLCH weniger. Und das wäre wirklich sehr schade.
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