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Mitunter gibt es Motorräder, zu denen einem wenig einfällt. Es gibt aber auch welche, bei denen man gar nicht weiß, mit was man zuerst anfangen soll bei der Beschreibung. So eins ist Erics Fee: Ein Bike, dessen technische Gimmicks, sobald man diese verstanden hat, selbst den abgeklärtesten Profischraubern die Augen vor Verwunderung vors Gesicht treten lassen
Ich weiß von dem Projekt schon seit ein paar Jahren. Irgendwann stand da ein mannshohes verrostetes nacktes Rohrwerk in Eric Allards Werkstatt in Floridas Distrikt Lakeland. Ich runzelte die Stirn ob der seltsamen Dimensionen und Eric setzte ein verschmitztes Lächeln auf. „Ja, das wird ein Langgabler, so eine Art Über-Chopper. Aber das dauert noch eine ganze Weile, an dem Motor will ich nämlich ganz besondere Leckerlies verbauen, die es nicht zu kaufen gibt, das muss ich alles selbst herstellen“, sprach er und wir verabschiedeten uns für ein Jahr, denn ein paar Stunden später ging mein Flieger nach Frankfurt.

Die Auspuffanlage schmiegt sich so dicht wie möglich ans Bike

Letztes Jahr dann stand das Chassis immer noch in einem fragwürdig unfertigen Zustand herum und ich dachte bei mir, dass dies womöglich eine Never-ending-Story werden könnte. Aber da kannte ich Eric schlecht. Auf einer Werkbank lagen ein paar Brocken rum, mehrere Kegelräder und ein seltsames offenes Gehäuse, auf das ich mir keinen Reim machen konnte. Ich fragte Eric danach und wieder zeigte er sein bübisches Lächeln, weil ihm klar war, dass ich das, was ich sah, unerläutert niemals würde kapieren können. Dieses Gehäuse war nämlich ein absolutes Einzelstück, von ihm gebaut, um – Achtung Technofreaks, festhalten! – zwei Magnetos über ein selbst erdachtes Königswellen-Konstrukt antreiben zu können. Dabei muss man wissen, dass normale Zündmagnete im sogenannten Dual-Fire-Modus arbeiten, jede zweite Spannungsentladung ist also für die Katz, weil sie ins Leere läuft.

Eric Allard betreibt seit über einem Jahrzehnt in Lakeland/Florida die Firma FNA Custom Cycles

Und weil Eric die Köpfe auf Doppelzündung umbaute (zwei Zündkerzen pro Zylinder), brauchte er superkräftige Zündfunken. „Die erreicht man, indem man einen Single-Fire-Magneten verwendet. Weil der nämlich eine ganze Entladung weglässt, baut sich die doppelte Spannung auf. Das bringt wahnsinnig gute Funken“, erklärte er begeistert. Und weil er zwei Zylinder hat, brauchte er folgerichtig auch zwei Magnetos. Die Magneto-Deckel übrigens sind auch Einzelstücke, die sind, wie auch das Glas des Rücklichts, in einem 3D-Drucker entstanden. Aber nicht nur die Zündung ist ganz besonders. Erics Idee war, den Einlass der Zylinderköpfe einzeln über ästhetisch hübsche lange Fallrohre anzuströmen. Das hätte aber mit einem Serienmotor nicht funktioniert, weil sich die Einlasskanäle dort exakt gegenüberliegen, platzmäßig keine Chance, einzelne Fallrohre zu montieren. Also ersann der stille Tüftler aus Lakeland eine Lösung: Er nahm einen zweiten vorderen Zylinderkopf, drehte diesen um 180 Grad und benutzte ihn dann als hinteren Zylinderkopf. Klingt locker, ist es aber mitnichten, denn selbstredend musste dafür die komplette Stößelstangen- und Kipphebel-Mimik auch um 180 Grad umgearbeitet werden. Von den Rockerboxen-Covern gar nicht zu reden. Das sind jetzt alles handgeschnitzte und mundgelutschte Einzelstücke. Und weil die Motorölversorgung von unten bei dem umgedrehten Zylinderkopf auch nicht mehr funktionieren konnte (die Bohrungen sind ja um 180 Grad versetzt), mussten externe Ölleitungen her, die er in Form von „Banjos“ an den Boxen-Covern darstellte. Die stylischen Fallstromvergaser, die gute zwanzig Zentimeter über den Einlässen thronen, stammen übrigens von Weber und befeuern normalerweise luftgekühlte Boxermotoren von Volkswagen. Sie beziehen ihren Sprit via Benzinpumpe, die – wie die Batterie auch – versteckt unter dem Tank montiert ist. Die auf der linken Motorseite entlanggeführten Auspuffkrümmer machten viel mehr Arbeit, als man ihnen ansieht. „Um die so eng wie möglich am Motor entlang zu verlegen, habe ich glatt drei Auspuff-Kits von Biltwell verbraten“, so Eric. Aber das angestrebte Ziel wurde erreicht. Von ganz vorn oder hinten sieht man den Auspuff fast überhaupt nicht.

Die Deckel der beiden Single-Fire-Magnetos entstanden im 3D-Drucker

Generell wurde das gesamte Bike so schmal gehalten wie nur irgend möglich. „… to be narrow as fuck!“, ist Erics amerikanische Ausdrucksweise dafür. „Weißt du, es sollte sein wie bei einem schmalen Fisch, einer Meerbrasse zum Beispiel. Von der Seite siehst du ihre volle Größe, aber die sind so schmal, dass sie von vorn oder hinten fast verschwinden.“ Ach ja, da war ja noch was … das Chassis. Es ist handgemacht mit einem Lenkkopfwinkel von 45 Grad und einem Rake von knuddeligen 20 Inches over (was gerade mal ein halber Meter ist). Die Gabel im modernen Springerstil stammt von BlackSunshineCustoms, sie ist fluffige 50 Inches over, was einem guten Meter entspricht.



Und all diejenigen, die jetzt sagen: „So was ist doch unfahrbar!“, kann Eric Lügen strafen. Im Bike-Week-Verkehr in Daytona Beach schwamm er so selbstverständlich mit wie eine Meerbrasse im Ozean, allerdings musste er immer wieder mal rechts oder links an seinem Lenkkopf vorbei gucken, um zu checken, was gerade vor ihm geschah. Ein Daily Driver ist die „glamouröse Fee“ deshalb sicherlich nicht, obwohl ihre famose Technik es hergeben würde.

Erbauer: FNA Custom Cycles und Fat American Choppers, Florida

MOTOR
Typ: orig. H-D Ironhead-Sportster, Bj. 1965, sehr stark modifiziert FNA  
Hubraum: 900 ccm
Zylinderköpfe: zwei vordere Köpfe, einer um 180° gedreht, umgebaut auf Doppelzündung, FNA
Zylinderkopfdeckel: Einzelstücke, mit zusätzlicher Ölversorgung, FNA                                                     
Kurbelwellengehäuse: stark modifiziert
Kurbelwelle: orig. H-D, gewuchtet von Keith Harvey
Zündung: zwei Magnetos, jeweils Single Fire
Magneto-Koppelung: selbst konstruiertes Königswellengetriebe
Vergaser: zwei Fallstrom-Weber Typ ICT34
Benzinpumpe: unter Tank versteckt
Auspuff: FNA, Einzelstück  

GETRIEBE
Aufgebaut von Keith Harvey
Primärtrieb: auf offen laufende 530er-Rollenkette umgebaut
Kupplung: orig. H-D
Sekundär: Rollenkette

FAHRWERK
Rahmen: FNA und Fat American Choppers,
Rake: 45°
Stretch: 20” up
Gabel:  Springer-Style BlackSunshineCustoms, + 50” over
Räder vo./hi.: 8-speichig Invader
Reifen: vo. Avon Speedmaster, hi. Firestone ANS
Bremse: vo. „Shitty tiny drum“, hi. Trommel von Honda                                                     

ACCESSORIES
Tank: Fat American Choppers und FNA-Sichtglas
Öltank: Fat American Choppers
Fender: FNA Custom Cycles
Lenker: Fat American Choppers und FNA
Sitzbank: Fat American Choppers und FNA
Sissybar: Fat American Choppers und FNA
Handhebel: Magura und Amal
Griffe: Vintage Bicycle
Kickerpedal: Infernal combustion unicorn
Fußrastenanlage: Fat American Choppers und FNA
Scheinwerfer: Vintage Volkswagen Zusatzrückleuchten
Rücklicht: Fat American Choppers und FNA, 3D-Drucker
Lack: Josh Brennan (Fat American Choppers)

KONTAKT
www.fnacustomcycles.com

 
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