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Zwei unangepasste „Junge Wilde“ aus dem Süden Frankreichs transformieren einen Softail Cruiser in einen heftigen Retro-Racer
Edouard und Baptiste gehören zur sogenannten Generation Y. Zwischen 1980 und 2000 geboren, verkörpern sie die erste Generation, die von Geburt an mit dem Internet aufgewachsen ist (digital natives). Diese Generation ist in aller Regel gut ausgebildet und besitzt überdurchschnittlich oft einen Hochschulabschluss. Harley-Davidson hat jahrelang versucht, genau diese Generation als Käufer für seine Modelle zu gewinnen, allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Vielfältigen Strömungen ausgesetzt und mit viel Lust, das alte Gespenst aus Milwaukee zu entmystifizieren, hinterfragt die „Generation Why“ gerne Althergebrachtes. Das beste Beispiel, mit den Konventionen zu brechen, ist die hier gezeigte Softail: eine Harley für Heizer!

Aber der Reihe nach. Bereits mit fünfzehn Jahren war für die beiden Schulfreunde klar, dass ihre gemeinsame Zukunft zwei Räder haben wird. Zuvor stand für Edouard jedoch ein Abschluss als Technischer Zeichner und eine Ausbildung zum Blechner an. Baptiste zog nach, mit einem Ingenieursabschluss zum Motorenentwickler. Sie ergänzen sich so hervorragend, dass es für sie ein Leichtes wäre, die nächste Mondrakete zu entwerfen und, wenn nötig, auch zum Fliegen zu bringen – wenn da nicht die gemeinsame Liebe für Motorräder wäre.



Und so eröffnen sie 2016 im Örtchen Alès nahe Montpellier die kleine Werkstatt „Workers“, um sich von nun an ganz dem Customizing von Harley-Davidson-Motorrädern zu widmen. Noch im selben Jahr machen sie die Bekanntschaft der beiden Nicos von EMD, und schnell sind die ersten gemeinsamen Projekte spruchreif: Ein EMD-Concept-Store im Baskenland wird eröffnet, ebenso soll ein neuer Laden in der Region um Bordeaux für die Workers-Schrauber entstehen. Doch nach dem tragischen Unfalltod von Nico Prockl wird klar, dass man nur mit vereinten Kräften an der Vollendung des gemeinsamen Traumes weiterarbeiten kann. So vereinigen die drei schließlich beide Firmen und gründen „EMD-Workers“ in Soorts-Hossegor, dem französischen Surfmekka zwanzig Kilometer südlich von Biarritz. Eine kluge Standortwahl, denn der kleine Küstenort ist nicht nur ein Paradies für Wellenreiter, er bietet mit seinen unzähligen Shops und Outlets bekannter Surf- und Bekleidungsfirmen (Vans, Billabong, Quicksilver oder Carhartt) auch einen Shoppingmag­neten, der das passende Klientel anlockt. Im neuen, rund 200 Quadratmeter großen Shop bietet EMD-Workers nicht nur die eigenen, sondern auch ausgesuchte, teilweise seltene Zubehör- und Customizing-Marken an. Die EMD-Workers-Werkstatt bietet den kompletten Service rund ums Bike und mit der hauseigenen Bar ist auch für das leibliche Wohl von Freunden und Kunden gesorgt.

Das Gewürm aus Edelstahlkrümmern  endet unterm Sitz in zwei Endtöpfen

Obwohl Edouard und Baptiste also mittlerweile an der baskischen Küste arbeiten, beginnt die Story dieses Projekts in Lothringen, wo Edouard eine Weile bei „Dub Perfomance“ angestellt war. Damals verkauft ihm Firmenchef Frédéric Dubant seine berühmte „Black Slug“, mit der „Dub“ im Jahr 1998 seinen allerersten Pokal bei den „Free Wheels“ gewann, dem damals größten Motorradtreffen Frankreichs. Vielleicht war es vorherbestimmt, dass zwanzig Jahre später ausgerechnet Edouard dem lange verblassten Glanz der „Black Slug“ ein zweites Leben einhauchen sollte. Zunächst werden die Innereien des alten 1340er-Evolution-Motors auf Vordermann gebracht. Er erhält Wiseco-Kolben, Andrews-Nockenwellen, einen S&S-Vergaser mit offenem Ansaugtrichter, eine Crane-HI-4-Zündanlage und auf dem Strömungsprüfstand optimierte Zylinderköpfe. Der piekfein aufgebaute Motor ist über einen Riemen von BDL mit einem Fünfganggetriebe gekoppelt. Einige Originalteile der „Black Slug“ konnten erhalten werden, unter anderem die gravierte Schwinge einer Yamaha FZR 1000. Der originale Rahmen der Softail wurde stark modifiziert, er trägt jetzt einen einzelnen Unterzug und einen geänderten Heckrahmen. Dort sitzt ein filigraner Aluminiumhöcker, der gleichzeitig als Öltank fungiert und in der kalten Jahreszeit den Hintern auf Temperatur hält. Darunter sitzt die kurze, doppelflutige Underseat-Auspuffanlage aus Edelstahl.

Von der Basis „Black Slug“ stammt die gravierte Yamaha-Schwinge

Derart kurz und aggressiv gestylt, wird aus dem ehemaligen Cruiser plötzlich ein Racer. In der Front arbeitet daher standesgemäß die Gabel einer Kawasaki ZX-7R, deren Gabelfüße um 180 Grad gedreht sind, sodass die Sechskolben-Billet-Bremssättel nun vor den Gabelholmen sitzen. Bei den Rädern fiel die Wahl bewusst auf Speichenräder, um trotz der vielen modernen Komponenten den klassischen Look der Maschine zu erhalten. Obwohl Edouard noch relativ jung ist, ist gerade dieser Hang zum Traditionellen offenbar tief in seiner DNA verwurzelt. Wenn man sich vor Augen führt, dass er die gesamte Aluminiumverkleidung lediglich mit einem Hammer und einer uralten Rollenstreckmaschine formte, war seine Entscheidung, sich mit dem Motorradbau selbstständig zu machen, goldrichtig. Das Blechkleid schwingt sich wunderbar um Ansaugtrichter, Motordeckel und LED-Scheinwerfer, und obwohl es zunächst einen Teil der Maschine zu verdecken scheint, wird der Blick umso mehr auf deren Technik gelenkt. Wenn man die Gabe besitzt, Aluminium in dieser Perfektion zu bearbeiten, wäre es eine Schande, solche Kunst unter Lack zu verstecken. So erinnert das blanke Metall dieser Schönheit sofort an die legendären Silberpfeile von Mercedes. Von dem Tank einer Honda VTR 1000 blieb indes nicht viel mehr übrig als eine blasse Erinnerung. Komplett zerschnitten und in alle Richtungen eingekürzt, bekam er einen Pop-up-Tankdeckel und beherbergt nun neben dem Kraftstoff auch eine kleine Box für die Lithium-Ionen-Batterie.

Durchdacht bis ins letzte Detail! Ebenso wie die Idee, eine obere Gabelbrücke anzufertigen, die gleichzeitig als Träger für die drei Rundinstrumente fungiert. Quasi zur Besiegelung der EMD-Workers-Fusion verbauten die Jungs an ihrer Maschine die brandneuen Rockercover aus der EMD-Entwicklungsabteilung. Ein frischer Wind scheint seit ihrem Neuanfang an der baskischen Küste zu wehen und die Jungs von EMD-Workers hören auch im Surfmekka Frankreichs nicht damit auf, hohe Wellen mit ihren Umbauten zu schlagen.
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