Flxible Racer – Neiger-Gespann aus der Schweiz

06.07.2018  |  Text: Text: Heinrich Christmann, McSands   |   Bilder: Frank Luger, Carsten Heil
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Flxible Racer – Neiger-Gespann aus der Schweiz
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„Vergiss, dass du einen Seitenwagen hast, aber vergiss bloß nicht, dass du einen Seitenwagen hast!“, war Macs schlussfolgernder Rat an Besitzer Marc nach der allerersten Probefahrt
Marc zählt zu den langjährigen treuen Kunden vom McSands Motor Shop in Balterswil im schönen Thurgau. Er war sogar der erste Kunde, der sich ein komplettes Motorrad von McSands aufbauen ließ. Das war ein Flathead Big Twin mit einem VL-Fahrwerk von 1930 und einem ULH-Motor von 1937. Das Ganze wurde im Boardtrack-Racer-Stil umgesetzt und fortan fuhr Marc mit diesem Motorrad nicht nur diverse Bergrennen, sondern spulte auf dem alten Starrrahmen im ersten Jahr nicht weniger als 20000 Kilometer ab – unter anderem von der Schweiz bis nach Barcelona (siehe Reisebericht in DREAM-MACHINES-Ausgabe 2/2013).

Sandra und Markus von McSands und Besitzer Marc Rufibach bei der Pokalentgegennahme in Bad Salzuflen 2017

Doch schon länger stand Marc der Sinn danach, auch mit seiner Frau Alex auf große Tour gehen zu können. Die Lösung sah er in einem Gespann. Aber nicht irgendeines, er dachte vielmehr an ein „Neiger“-Gespann der legendären amerikanischen Marke „Flxible Side Car Co“. In Loudonville/Ohio liefen ab dem Jahr 1913 serienmäßig Neiger-Gespanne vom Band, also Gespanne, bei denen das Beiwagenrad sich zusammen mit dem Motorrad in die Kurve legt. Das bringt eine Menge Vorteile gegenüber jedem Nicht-Neiger-Gespann und schnell entwickelten sich in den motorsportverrückten Staaten Rennserien, in denen die Neiger der „Flxible Side Car Company“ sportlich dominierten. Genau so etwas wollte Marc haben. Und für den Bau eines solchen Gespanns kam für den Liebhaber sehr alten Geräts nur eine Adresse in Frage: McSands in Balterswil. Dort wurde der Auftrag (Sandra und Mac vom MacSands Motorradshop nennen ihn „Kipper“) auch prompt mit dem Kippen von ein paar Bierchen besiegelt. Für die beauftragten Erbauer brachten die notwendigen Recherchen viel Interessantes und auch Abenteuerliches an Informationen zusammen. Viele Fachkollegen rieten vom Aufbau eines Neiger-Gespannes ab: „Zu gefährlich“, „nicht fahrbar“, „nur für geübte Fahrer“ lauteten die Statements. Indes, bezeichnenderweise hatte keiner dieser Gespann-Spezialisten jemals solch einen Neiger persönlich gefahren. Auch neuere Konstruktionen von Neigern haben sich nie richtig durchgesetzt, angeblich wurden sie dafür bekannt, dass es damit oft Unfälle gegeben hat. Der allgemein skeptischen Grundstimmung zum Trotz wurde das Projekt in Balterswil gestartet – schließlich haben unsere Altvorderen vor mehr als hundert Jahren auch solche Gespanne bewegt und – wie oben bereits erwähnt – waren die Geräte aus Loudonville/Ohio auf den Rennstrecken die schnellsten.

Raffi von Schaub Metalworks schuf den Aluminiumtank und die Bootsverkleidung

Marcs Meinung dazu klang von Beginn an so: „Wenn die damals damit Rennen gefahren sind, müsste das auf der Straße im normalen Schubbetrieb auch funktionieren!“ Und das Vertrauen in die Balterswiler Bikebuilder war sowieso da: „Das schafft Ihr schon!“ Aus der langjährigen Kundenbeziehung in Tateinheit mit oft geübtem, gemeinsamem Bierchen abkippen war schon vor längerer Zeit eine Freundschaft geworden. Vordringlichstes Ziel im Lastenheft: Neben dem Seitenwagen sollte das Bike unbedingt soziustauglich sein. Andererseits sollte es etwas Renn-Flair im Stile der 20er und 30er Jahre haben, gefragt war demnach ein klassischer Touring-Racer. Von vorn herein wurde die Seitenwagenpritsche als Lastesel konzipiert, Marcs Frau Alex sollte nicht auf die brettharte Pritsche müssen. Also musste ein Doppelsitz für die Zugmaschine her, ein Unterfangen, das die Erbauer natürlich vor eine gewaltige stilistische Herausforderung stellte. Wie baut man etwas Bequemes für die traute Zweisamkeit, ohne dass es optisch in einer Katastrophe endet? Kompromisse müssen sein und so schlussfolgern die Erbauer: „Solange das Pärchen zusammen auf dem Moped sitzt, sieht’s voll okay aus. Und für Ausstellungen oder Solo-Fahrten gibt es einen Renn-Solositz von Mesinger, der optisch besser zum Bike passt.“



Was den Motor angeht, wurde auf Altbewährtes gesetzt. Wie schon beim ersten Motorrad für Marc wurde ein drehmomentoptimierter UL-Motor mit einer Kurbelwelle von Truett & Osborn aufgebaut. Zu diesem Zeitpunkt belebte Anders Nygren seine Firma Flathead Power Sweden wieder und Motorenbauerin Sandra holte sich ein Paar der begehrten Zylinder für dieses Projekt: „Vad trevligt!“ Beim Getriebe wurde sinnvoll hochgerüstet. Ein Vierganggetriebe, das von Harley ab 1937 bis in die Ära der Panheads hinein verwendet wurde, passt besser zu dem erstarkten Motor. Das originale Dreiganggetriebe von 1930 wäre bei Fahrten zu zweit und mit Gepäck schnell überfordert gewesen. Um dem Motorrad ein klein wenig Leichtbau zu verpassen, wurde McSands guter Freund Raffi Schaub von Schaub Metalworks zum Hämmern eines Alutanks und einer Seitenwagenhaube überredet. Mac selbst schreinerte kurzerhand eine Pritschenbasis aus Holz und bastelte ein Vorlage aus Pappe, die die gewünschte Haubenform in etwa vorgab. Ansonsten wurde dem begnadeten Blechbearbeiter Raffi freie Hand gelassen; auch hier floss im Vorhinein reichlich Motivationsbier … Um es dem Blech-Virtuosen nicht zu einfach zu machen, sollte in der Seitenwagenhaube ein Corbin-Tacho eingebaut werden können – mit einer kleinen Hutze, die aus stylistischen Gründen aufgenietet werden soll. Auch beim zweiteiligen Tank wurde kein Aufwand gescheut. Um die Reichweite der Benzinseite zu erweitern, reicht die linke Hälfte wie bei einem WL-Tank zwischen den Oberzügen durch in die rechte Seite, die das Öl aufnimmt. Insgesamt wurden für das Projekt bei McSands viele Teile in Handarbeit hergestellt. So wurden Gussformen für Schutzblechhalter, Rücklicht, Batteriekasten und andere Kleinteile hergestellt und die Teile dann auch direkt bei McSands gegossen und bearbeitet.


Nach viermonatiger Bauzeit kam dann der Tag X: Die Jungfernfahrt stand an! Da kein Mensch wusste, wie sich das Teil fährt, gab Mac das Versuchskaninchen. Die ersten Fahrversuche waren noch von Vorsicht geprägt, doch dann tastete er sich langsam an die Grenzen des Neigungswinkels heran. Wie sich herausstellte, fährt sich das Gespann eigentlich ganz normal – wie ein normales Motorrad! Auch das typische Bootsverhalten bei Lastwechseln ist dank des extrem leichten Seitenwagens eigentlich gar nicht zu spüren – Begeisterung machte sich breit. Einzig beim Erreichen des Neigeanschlages wird es schlagartig ungemütlich, da sich das Verhalten des Gespanns dann total verändert. Und gerade weil sich das Gefährt wie ein normales Motorrad fahren lässt, darf man niemals vergessen, dass da noch ein Seitenwagen dran hängt, denn besonders in Linkskurven wird das Gespann durch die zusätzliche Neigung ziemlich breit und braucht dadurch viel Platz auf der Straße. Diese Tatsache ist wahrscheinlich auch der Grund für die höhere Unfallstatistik dieser Konstruktionen.
Marc und Alex sind auf jeden Fall voll begeistert, die beiden haben sich mittlerweile so gut mit den Eigenschaften des Gespanns angefreundet, dass sie im letzten Spätsommer eine größere Urlaubsreise nach Südskandinavien unternahmen. Und da Sandra und Mac im vergangenen Sommer auch in Schweden unterwegs waren, traf man sich beim A-Bombers Meeting in Backamo. Marc überredete Mac, im Seitenwagen Platz zu nehmen, um am legendären Bergrennen in Backamo teilzunehmen. Da kamen die Renn-Gene des Konzepts erst so richtig zur Geltung und beim zweiten Lauf gab Marc nochmal extra viel Gas und das Gespann flog förmlich mit kleinen Drifteinlagen auf der Schotterpiste dem Ziel entgegen. Na, geht doch!
Basis: Harley VL 1930
Erbauer: McSands Motor Shop

Motor
Typ: orig. H-D UL Flathead Stroker, Bj. 1938
Hubraum: 1380 ccm
Zylinder: Flathead Power Sweden
Zylinderköpfe: S&S
Kolben: JCC
Ventile: Kibblewhite
Rollenstößel: S&S
Pushrod-Covers: orig. H-D
Nockenwelle: Samwell
Kurbelgehäuse: orig. H-D
Kurbelwelle: Truett & Osborn
Pleuel: orig. H-D
Zündung: Morris Magneto
Gemischaufbereitung: Vergaser Linkert M51
Luftfilter: Vintage Iron Parts
Auspuffanlage: McSands Motor Shop
Sonstige Specials: Stroker Flywheels, Pop-up Kolben, Deck Relief

Getriebe
Typ: orig H-D Viergang von Panhead, Bj. ca. 1950
Primärtrieb: Rollenkette
Sekundärtrieb: Rollenkette
Primärcover: McSands Motor Shop
Kupplung: orig. H-D

Fahrwerk
Rahmen: orig. H-D VL, Bj. 1930, Starrrahmen
Rake: 28°
Gabel: Castle Fork, Jake Robbins
Räder vorn/hinten: 19"
Bereifung: vorn Allstate Safety Thread 3.5 x 19"; hinten Cocker Diamond 4.00 x 19"
Bremsen vorn/hinten: Trommel

Seitenwagen
Rahmen: Flxible Side Car Company, Loudonville
Verkleidung: Seitenwagenverkleidung von Schaub Metalworks
Aufbau: Holzboden/Gepäckladefläche

Accessories
Benzintank: Schaub Metalworks
Öltank: rechte Tankhälfte
Fender: 7 Metal West
Lenker und Riser: McSands Motor Shop
Lenkergriffe: McSands Motor Shop
Handhebel: McSands Motor Shop
Fußrastenanlage: orig. H-D Trittbretter
Soziusrasten: McSands
Frontlampe: alte Fahrradlampe mit H4-Einsatz
Anzeigeinstrumente: Corbin-Tacho im Seitenwagen
Rücklicht: McSands Motor Shop
Sitz: Doppelsitz von Carrosseriesattlerei Lindinger Solositz: Mesinger Racer
Seitenwagenverkleidung: Schaub Metalworks
Lackierung: Color Art Factory
Sonstige Specials: Tankschaltung von McSands

Kontakt
www.mcsands.ch
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Stand:18 September 2018 17:57:48/bike-portraits/flxible+racer+-+neiger-gespann+aus+der+schweiz_18629.html