1921er Reading Standard

01.01.2019  |  Text: Cedrick Mitchell  |   Bilder: Cedrick Mitchell
1921er Reading Standard 1921er Reading Standard 1921er Reading Standard 1921er Reading Standard 1921er Reading Standard 1921er Reading Standard 1921er Reading Standard 1921er Reading Standard 1921er Reading Standard 1921er Reading Standard
1921er Reading Standard
Alle Bilder »
Es gibt nicht viele Dinge, die aufschlussreicher sind als das Betrachten antiker Motorräder, denn alte Motorräder sind Zeitreisende. Hierzulande weitgehend unbekannt geblieben, spielte die Marke Reading Standard in den Staaten durchaus eine gewichtige Rolle
Die Motorräder der Marke Reading Standard (gesprochen: Räding) wurden seit 1903 in der Stadt Reading in Pennsylvania gebaut, lange, bevor es anständige Straßen gab. Die Fahrwerke mussten damals viel aushalten. Wie sich herausstellte, machte der Zustand der Straßen auch den Rahmen der Reading-Motorräder schwer zu schaffen. Mike Terry, Besitzer des hier gezeigten Modells aus dem Jahr 1921, nennt sechs Readings sein Eigen, bei vier von ihnen war der Rahmen gebrochen und musste neu geschweißt werden. „Ich bin mir nicht sicher, aber der fragile Rahmen hat sicher dazu beigetragen, dass die Motorräder sich schlecht verkauft haben“, meint Mike.

„Es hat viel mehr Kraft als die meisten Motorräder seiner Zeit“

Die Zeit des Aufbruchs
Viele der damaligen Motorradhersteller waren eigentlich bloß Monteure, sie verwendeten Komponenten, die von externen Herstellern eingekauft wurden. Von 1902 bis 1907 bezog Indian, einer der bekanntesten Motorradhersteller der USA, seine Motoren von der Aurora Automatic Machine Company in Aurora, Illinois. Der Aurora-Vertrag mit Indian sah vor, dass Aurora auch Motoren auf dem freien Markt verkaufen konnte. Konstruiert war dieser gut funktionierende IOE-Einzylinder von Oscar Hedstrom, er wurde damals in vielen frühen amerikanischen Motorrädern verwendet, auch in den Readings. Von einer Europareise brachte der bei Aurora angestellte schwedische Konstrukteur Carl Gustafson das dort entwickelte Konstruktionsprinzip des Seitenventilers mit. Ab 1906 begann Reading Standard mit der Produktion von Motorrädern mit Sidevalve-Singles und im Juli dieses Jahres erreichten drei Reading Standards den Gipfel des Pikes Peak in Colorado. Der erste V2 in einer Reading kam 1908, Modelle mit Parallelogramm-Vordergabeln und einem Schleifenrahmen befanden sich 1909 in Ausstellungsräumen. Eine Zweigang-Hinterradnabe wurde 1911 installiert. 1914 headhuntete Konkurrent Indian Carl Gustafson von seinem kleineren Rivalen, doch Reading Standard machte auch ohne seinen ehemaligen Motorenkonstrukteur weiter.

Stetige Optimierungen
Ein Dreiganggetriebe erschien 1915. Eine doppelte Hinterradbremse war eine Option im Jahr 1916, wahrscheinlich war sie eine Folge der englischen Forderung, dass Motorräder zwei unabhängig voneinander betätigte Bremsen haben müssen. Zu dieser Zeit exportierte Reading Standard viele Motorräder nach Übersee, darunter Norwegen, Schweden und Australien. Im Jahr 1918 baute das Unternehmen V-Twins mit verbesserter Parallelogrammgabel, die optionalen elektrischen Lampen bekamen ihren Strom von einem Splitdorf-Generator, der von einem Riemen angetrieben wurde. Der Erste Weltkrieg brachte dann den Höhepunkt für die Reading-Standard-Produktion. Der Grund war, dass Indian und Harley ausschließlich fürs Militär produzierten, wer ein Motorrad wollte, musste sich bei den anderen Marken umschauen.

Glück gehabt: Den seltenen Scheinwerfer des Typs „Victor Doughboy“ fand Terry nach langer Suche in eBay

Inzwischen hatte auch Indian vom IOE-zum Seitenventilprinzip gewechselt und festgestellt, dass Seitenventiler nicht nur sauberer und zuverlässiger, sondern auch billiger in der Herstellung waren. Im Jahr 1920 wurde der V-Twin der Reading Standard so designt, dass er dem Powerplus-Seitenventiler von Indian ähnelte. Der Tank war jetzt runder, die Kotflügel vollwertiger, man versuchte, ein Stück von Indians Kuchen abzuschneiden. In den V-Twins von 1921 werkelten Motoren mit 71,57 Kubikinch Hubraum, was 1173 Kubikzentimetern entspricht, zur damaligen Zeit einer der größten Motorradmotoren weltweit. Wie bei den meisten Motorrädern damals war das Schmiersystem eine sogenannte Verlustschmierung. Fuhr man einen Hügel hoch oder besonders schnell, pumpte der Fahrer per Handpumpe zusätzlich Öl zu den vakanten Stellen. Das Getriebe war ein Dreigang mit Handschaltung, die Kupplung wurde von Eclipse gefertigt. Die Kupplung wurde mit einem Fußpedal und einem Zusatzhandhebel bedient, was besonders bei Hügeln nützlich war. Obwohl Reading Standard zu diesem Zeitpunkt schon längst eigene Motoren herstellte, wurden viele Komponenten zugekauft. Neben der Eclipse-Kupplung wurde der Solositz von Mesinger hergestellt. Den Magnet lieferte Bosch, der Generator kam von Splitdorf und der Vergaser von Schebler.

Hier schön zu sehen die Köpfe nach Harry Ricardos „Squish“-Prinzip: Gezündet wurde nicht über dem Brennraum, sondern genau über dem Einlassbereich der stehenden Ventile. Reading kaufte Teile dazu, wie etwa den Schebler-Vergaser oder den Tacho von Corbin

Ein Grund, warum die Readings so viel Leistung hatten, waren die Ricardo-Köpfe des Motors. Der englische Ingenieur Harry Ricardo hatte Experimente mit der Ausbreitung der Flammfront durchgeführt und einen Weg gefunden, die flache Brennkammer so zu formen, dass sie die Verbrennung beschleunigte und höhere Kompressionsverhältnisse erlaubte. Dies wurde als „Squish“-Prinzip bekannt, der Brennraumbereich war über den Ventilen konzentriert, der Bereich über den Kolben wurde von dort mit der Flammfront bedient. Ricardo verkaufte Lizenzen, um diese Technologie zu vermarkten und Harley-Davidson erwarb eine Lizenz von Ricardo, als die Company Mitte der 1920er Jahre mit dem Bau von Flathead-Singles begann. Reading Standard kaufte keine Lizenz von Ricardo und verwendete seinen Namen daher nicht in der Werbung. Besorgt darüber, dass das Unternehmen geschäftlich weiter hinter Indian, Excelsior/Henderson und Harley-Davidson zurückfiel, beschloss das Management von Reading Standard im Jahr 1921, ein Rennteam aufzustellen. Man holte sich den bekannten Rennfahrer Ray Creviston und investierte viel Geld in die Modernisierung eines OHC-Racers von Cyclone. Leider wurde dieser Motor nie vernünftig entwickelt und getestet, Creviston hatte einen Ausfall nach dem anderen. Das Rennteam wurde zu einer teuren Belastung. Dieses Debakel ereignete sich zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Amerika litt in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg unter einer kleinen wirtschaftlichen Depression. Obwohl Reading Standard bis dahin viele Herausforderungen gemeistert hatte, war nicht genug Substanz da, um diesen Abschwung zu überstehen. Den Todesstoß stellte die Einführung der Indian Scout dar, die fortan ein Bestseller wurde. Reading Standard ging 1922 in Konkurs, die Reste wurden im Februar 1923 von Cleveland Motorcycles gekauft, einem anderen kleinen Motorradhersteller. Cleveland baute und verkaufte in den Saisons 1923 und 1924 noch Reading-Standard-Motorräder, beendete dann aber deren Produktion und konzentrierte sich auf den Bau einer innovativen Vierzylinder-Maschine.



Mike Terrys Exemplar
Der erste Schritt bei der Restaurierung bestand darin, einen originalen Motor für den 1921er-Rahmen zu finden, denn der Motor, der (in Kisten) beim Bike war, stammt aus dem Jahr 1917. Ein guter Freund spürte einen solchen Motor auf. „Der sah gut aus, hatte aber ruinierte Hauptlager“, berichtet Mike und fügt hinzu, dass Reading-Standard-Kurbelwellen im Gegensatz zu den Wellen anderer Hersteller, die Kugel- oder Rollenlager verwendeten, auf Gleitlagern liefen. Ebenso fehlte der originale Scheinwerfer, ein Victor Doughboy, der ein sehr seltenes Ersatzteil ist. Doch Mike hat einen auf eBay gefunden. Ein restaurierbares Rücklicht war auch dabei und auch ein Corbin-Tachometer sowie ein Splitdorf-Generator. Nach dem Zusammenbau lackierte Mike das Bike unter einem Baum in seinem Garten, Kumpel Glenn Weisgerber sorgte für die filigranen Pinstripes. Dann war dieses Stück amerikanischer Motorradgeschichte bereit für einen ersten Ausritt. Mike war überrascht: „Fährt sich richtig gut. Es hat viel mehr Kraft als die meisten Motorräder seiner Zeit“, fügt Mike hinzu. „Ich fahre das Bike sehr gerne. Nicht weil es ein seltenes Bike ist, sondern weil es einfach sehr viel Spaß macht, mit ihm zu fahren. Und ich mag das stromlinienförmige Design im alten Stil, das ist angenehm fürs Auge“, sprach’s, legte einen Gang ein und war flugs um die nächste Ecke verschwunden.
  Teilen
Topseller im Shop
Stand:20 January 2019 05:22:57/bike-portraits/1921er+reading+standard_181220.html