Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest

19.05.2017  |  Text: Heinrich Christmann  |   Bilder: Hersteller
Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest
Street Rod – Harley-Davidsons neuestes Modell im Fahrtest
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„Much better than expected“ könnte ebenfalls oben als Hauptüberschrift stehen. Ist aber zu lang. Wir sind die neue Street Rod 750 im wilden Andalusien gefahren und haben danach anerkennend mit dem Kopf genickt. Doch der Reihe nach …
Es ist nicht leicht, wenn einem die etwas ältere, ziemlich missratene Schwester ordentlich den Einstand versaut. Kein einziger meiner Kollegen von der deutschsprachigen Motorradpresse – mich eingeschlossen – war mit einem euphorischen Gefühl zum Launch nach Marbella gekommen. Der gemeinschaftliche Tenor lässt sich in etwa so zusammenfassen: „Na, wenn das neue Ding genauso hanebüchene Verarbeitungsmängel aufweist und so bescheiden fährt wie die Street 750, dann gute Nacht!“ Die Erwartungen waren also nicht gerade hoch gesteckt, doch es sollte alles anders kommen.

Mit der Street Rod geht sogar bei Harley Schräglage

Motor
Für die neue, umfassend überarbeitete Street Rod hat sich Harley den bereits bekannten 750er-Motor nochmals vorgeknöpft. Im Vergleich zum Motor des Schwestermodells Street kommt der 60°-V-Twin mit schärferen Steuerzeiten, bearbeiteten Zylinderköpfen und einer höheren Kompression. Außerdem dreht er bis zu 1000 U/min mehr als das bisherige 750er-Triebwerk. Seine Leistung beträgt jetzt 71 PS, das sind 20 Prozent mehr als bisher. Auch das maximale Drehmoment stieg um zehn Prozent auf jetzt 65 Nm bei 4000 U/min. Beim Fahren geriert sich der Motor sehr geschmeidig. Ab 3500 U/min wird er lebendig, zwischen 4000 und 5000 Umdrehungen fühlt er sich richtig wohl. Er kann auch niedertouriger gefahren werden, da fehlt dann aber Kraft. Das kurzhubig ausgelegte, wassergekühlte Aggregat braucht ganz klar Drehzahl, damit die Kuh fliegt.

Guter Allrounder: Auf dem erwachsen wirkenden Motorrad fühlen sich auch größere Leute wohl

Fahrwerk und Bremsen
Apropos fliegen: Um der gesteigerten Motorleistung gerecht zu werden, wurde das Rolling Chassis umfassend überarbeitet. Steilerer Lenkkopfwinkel, kürzerer Nachlauf, kürzerer Radstand, längere Schwinge, steiferer Rahmen – all das in Verbindung mit einer satten 43-mm-Upside-down-Gabel, populären 17-Zoll-Rädern und besseren Bremsen (mit ABS) ergibt ein rundherum positives Gesamtbild auf der Straße. In der Praxis zeigte sich: Das Fahrwerk liegt gut und lässt sich auch von fiesen Straßenunebenheiten nicht aus der Reserve locken. Die neue Street Rod ist sehr handlich, lässt sich überraschend leicht in die Ecken drücken. Besonders positiv fiel auf, dass sich das Bike beim Bremsen in Schräglage nicht aufstellen will. Die neuen, in der Dämpfung nicht einstellbaren Federelemente überzeugen mit einer guten Grundabstimmung, zu-mindest der Autor dieser Zeilen (Körpergewicht 101 Kilo) konnte sich nicht über zu straffe Federn am Heck beschweren, leichtere Kollegen mahnten das ein wenig an.

Die neue Street Rod steht auf stylischen 17-Zöllern, besitzt ordentliche Federelemente, taugliche Bremsen und kommt in drei Lackvarianten: Hier „Oliv Gold“

Die Bremsen (vorn zwei, hinten eine Scheibenbremse) hinterließen einen etwas zwiespältigen Eindruck: Einerseits genügen sie vollauf den machbaren Fahrleistungen, andererseits dürfte gerade die Doppelscheibe vorn für meinen Geschmack durchaus etwas bissiger abgestimmt sein. Aber da lässt sich in Zukunft mit Zubehörbelägen sicher noch was optimieren. Wenn es bei der Präsentation überhaupt durchgängig einen Kritikpunkt gab, dann betraf der die Reifen. Die eigens für dieses Modell neu entwickelten Michelin Scorcher „21“ in den vernünftigen Dimensionen 120/70-17 vorn und 160/60-17 hinten zeigten sich zwar wohltuend handlich, ihr Gripniveau und ihre Rückmeldung lassen aber zu wünschen übrig. Wir sind sicher: Da wird mit Reifen aus dem Zubehör viel mehr gehen, und genau das werden wir demnächst auch überprüfen.

Regelrecht klasse – wenn man Harley-Verhältnisse zugrunde legt – ist die Schräglagenfreiheit. Durch die vergleichsweise hohe Position der Fußrasten kommt lästiges Aufsetzen nur sehr selten vor, wenn, dann kratzen die Angstnippel an den Aluminium-Druckgussrasten. Fahrspaß steht also nichts im Wege, wenngleich man sich am Anfang ein paar Kilometer an die durch den sehr breiten, geraden Lenker und die mittig platzierten Rasten verursachte „aufgespannte“ Sitzposition gewöhnen muss; was aber schnell gelang.

Die Graphics am altbekannten Tank sind neu, auch das Luftfiltergehäuse ist neu gestaltet
Verarbeitung/Qualitätsanmutung
Was die Optik und Haptik angeht, macht die Street Rod im Vergleich zu ihrer Schwester einen Riesensprung nach vorn. Bis auf die immer noch fragwürdig wursteligen Schweißnähte am Tank macht die kleine Rod jetzt von vorn bis hinten einen sehr ordentlichen Eindruck. Schade, dass die Handhebel immer noch nicht einstellbar sind, aber dieses Phänomen findet man auch an deutlich teureren Maschinen anderer Hersteller. Die drei Lackvarianten kommen gut rüber, am Ende des Testtages wurde das Bike von den meisten sogar als hübsch empfunden. Ist es auch, ganz besonders in dem Grünmetallic-Ton „Oliv Gold“.

Unser Fazit
Harley hat endlich die Kurve gekriegt. Die Street Rod ist ein überraschend gutes Motorrad geworden. Motor und Fahrwerk können überzeugen, die deutlich verbesserte Verarbeitung auch. Da fragt man sich: Warum nicht gleich so? Die Street hat viel Reputation zu Schanden geritten, da muss die Company erst wieder davon wegkommen. Die neue Street Rod hat das Zeug dazu. Zu einem Kurs ab 8.465 Euro bekommt man ein vollwertiges Motorrad, das es wert ist, den prestigeträchtigen Namen des Herstellers aus Milwaukee auf dem Tank zu tragen. Dezidierte Tests mit sinnvollem Zubehör werden folgen. Bleiben Sie dran!

MOTOR
Typ: „High Output Revolution X“-V2 mit 60° Zylinderwinkel
Bohrung x Hub: 85 x 66 mm
Hubraum: 749 ccm
Ventiltrieb: je eine obenliegende Nockenwelle, Kipphebel
Anzahl Ventile: vier Ventile pro Zylinder
Gemischaufbereitung: elektron. Kraftstoffeinspritzung, 42 mm Saugrohr
Leistung (lt. Herst.): 71 PS bei 9000 U/min
Drehmoment (lt. Herst.): 65 Nm bei 4000 U/min
Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h

GETRIEBE
Typ: Sechsgang
Primärtrieb: über Zahnräder
Sekundärtrieb: Zahnriemen

MAßE UND GEWICHTE
Radstand: 1510 mm
Lenkkopfwinkel: 27°
Nachlauf: 99 mm
Bereifung: vo. 120/70 R17, hi. 160/60 R17
Leergewicht (fahrfertig): 238 kg
Tankinhalt: 13,2 l (davon 3 l Reserve)
Sitzhöhe ohne Fahrer: 765 mm
Preis: ab 8.465,- Euro inkl. aller Nebenkosten


 
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