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14.07.2017  |  Text: Lucia Prokasky  |   Bilder: Tobias Kircher
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Einstiegsdroge – Fahrtest Harley-Davidson Street Rod


Beim zweiten Aufeinandertreffen haben wir die nagelneue Street Rod auf unseren Hausstrecken getestet. Wie schnitt sie ab?


Neufahrzeugpräsentationen sind wichtig, die Aussagen, die man aus ihnen ableiten kann, sind aber nur die halbe Wahrheit. Warum? Nun, der Hersteller sucht sich selbstredend eine optimale Location aus, auf der sein neues Produkt bestens funktioniert. Mit Straßen in allerbestem Zustand, nicht umsonst steht Andalusien und dort speziell die Gegend um Marbella ganz weit vorn in der Gunst der Fahrzeughersteller, wenn es darum geht, die Journalistenschar das erste Mal draufzulassen auf ein neues Motorrad. So war das auch bei der Street Rod.

Die neue kleine Street Rod ist sehr handlich und lässt sich dank ausreichender Schräglagenfreiheit erfreulich dynamisch bewegen

Und genau deshalb haben wir sie uns jetzt in die heimische Redaktion geholt und auch auf Straßen gefahren, die dem Fahrwerk einiges abverlangen. Und siehe da: Auf mäßig geflickten Sträßchen im Odenwald kam das fest eingestellte Fahrwerkssetup der Street Rod dann doch das ein oder andere Mal an seine Grenzen, was auf den Vorzeigestraßen Südspaniens nicht offenbar wurde. Die mit 43 Millimetern Tauchrohrdurchmesser ganz schön dicke Upside-down-Gabel zeigt sich zwar wunderbar verwindungssteif, ihr Losbrechmoment ist aber optimierungswürdig. Auf kleine Unebenheiten reagiert sie etwas zurückhaltend, mit einem anderen Gabelöl und anderen Federn lässt sich da bestimmt was machen. Das Gleiche gilt für die quietschorange lackierten Federbeine am Heck. Belastet mit einem 100-Kilo-Fahrer federn und dämpfen sie zwar ordentlich, leichtgewichtige Personen würden sich aber ein spontaneres und feinfühligeres Ansprechen wünschen.

Dauerthema Sitzposition
Größter Kritikpunkt bei der neuen „Kleinen“ ist die Sitzposition. Der Lenker ist fast eine gerade Stange und ein gutes Stück zu breit. Er zwingt den Fahrer in eine sehr aufgespannte, nach vorn gebeugte Haltung. Gar nicht hierzu passen will auch die Lage der Fußrasten. Die sitzen schlicht zwölf bis fünfzehn Zentimeter zu weit vorn und auch zu weit außen. Den Fußbremshebel kann man nur bedienen, in dem man das rechte Bein hebt. Und beim Stoppen stehen die Rasten immer im Weg.



Das Beste an der Street Rod ist eindeutig ihr Motor. Zwar möchte der immer fleißig gedreht werden, aber das wassergekühlte Aggregat ist für einen Kurzhuber erfreulich elastisch. Das höchste Drehmoment von 65 Nm steht bereits bei 4200 U/min an und hält sich bis kurz vor dem Abregeln bei um die 60 Nm. Die Abregeldrehzahl liegt bei 8900 U/min, knapp davor erreicht der 60-Grad-V2 seine Höchstleistung von 71 PS. Die Leistungskurve selbst verläuft so linear wie bei einem Elektromotor, das spricht für eine sehr gelungene Motorabstimmung.
Die Bremsen sind amerikanisch „smooth“ abgestimmt, ein Wechsel auf einen griffigeren Reibpartner in den Zangen könnte hier Abhilfe schaffen, aber derzeit gibt es noch keine alternativen Beläge. Das Motorrad ist sehr handlich und die Schräglagenfreiheit reicht locker aus, um mit der Rod auch mal ein bisschen verwegener ums Eck zu pfeifen. Was allerdings nervt, ist die Tatsache, dass man bei heißem Motor keinerlei Chance mehr hat, im Stand den Leerlauf einzulegen. Es geht entweder vom Zweiten in den Ersten oder umgekehrt. Nur wenn das Bike noch rollt, kann man „Neutral“ einlegen. Dem Vernehmen nach ist das Problem vom Werk bereits erkannt und wird durch Abänderung eines Bauteils eliminiert.

Die neue Street Rod steht auf stylischen 17-Zöllern, besitzt ordentliche Federelemente, taugliche Bremsen und sie gibt es in drei Lackvarianten

Fazit
Während der Präsentation in Andalusien sah das Bike noch einen Ticken souveräner aus. Auf schlechten Straßen daheim kristallisierten sich leichte Schwächen in der Federung und Dämpfung heraus. Wir werden das Modell aber im Auge behalten, denn es ist ein vielversprechendes kleines Motorrad mit einem großen Namen. Wir werden es demnächst umbereifen, ihm möglicherweise auch neue Federelemente verpassen und versuchen, die Ergonomie zu verbessern. Noch gibt es allerdings kaum Zubehör auf dem Markt. Wir werden dranbleiben an der „Kleinen“, denn wir sind uns sicher, es lohnt sich.
Zweite Meinung
Erster Eindruck: hübsch. Kein schwerer Eisenhaufen, einfach ein elegantes Motorrad, unaufgeregt. Die Farbgebung und kleine Stilelemente, wie die runden Spiegel an den Lenkerenden oder der Windschild, treffen den aktuellen urbanen Hype. Bislang schwamm ich zwar nicht in den Tiefen der Harley-Welt, aber selbst zu mir ist durchgedrungen, dass die Rod heiß umstritten ist. Neutral betrachtet, regen sich alle etwas zu sehr auf – am Ende ist es ein Motorrad, das ebenso seine Daseinsberechtigung hat wie alle anderen, Wasserkühlung hin oder her. Der zweite Eindruck: Okay, ein paar Details gibt es schon, die nicht fein gelöst wurden. So (mal wieder) die Position der Fußrasten, wackelnde Abdeckungen oder diese unsägliche Form des Tanks – ein wenig mehr Volumen stünde ihm gut. Während der Fotofahrten bei bestem Sommerwetter wird der Motor ordentlich heiß und donnert mir aufgrund seiner Bauform seine gesamte Hitze an den linken Oberschenkel. So weit, so halbgut, aber wirklich unangenehm wird es erst an der rechten Wade: Wer keine ordentlich dicke Hose trägt, bekommt vom Auspuff einmal epilieren gratis. Und ernsthaft genervt hat mich das Getriebe. Den Leerlauf im Stand zu finden, ist so wahrscheinlich wie eine zuverlässige Wettervorhersage zu bekommen. Wenn dann auch noch die Sonne runterbrezelt, der Asphalt vor Hitze flimmert, dein Visier noch geschlossen ist und die Street Rod dir von unten ordentlich Zunder gibt, dann ist alles, was du an der Ampel willst, den vermaledeiten Leerlauf zu finden. Vergiss es! Da müssen sie noch mal ran.

Gut gefallen hat mir die Agilität. Die knapp 240 Kilogramm schieben sich mühelos um die Kurven, auch bei Fahrerinnen und Fahrern mit geringem Kampfgewicht. Wenn die Fußrasten beginnen den Asphalt zu kitzeln, weißt du, du fährst Harley. Das ist Pflichtprogramm und gehört dazu. Aber die Rod erlaubt durch ihre Schräglagenfreiheit einen zügigen Fahrstil, bevor Funken über den Asphalt stieben. Wünschen würde ich mir eines: mehr Harley-Sound. Das Geräusch und das Gefühl, dass das Motorrad unter dir lebt, fehlt mir hier. Ansonsten ist die Street Rod ein schönes Motorrad für den Alltag. Vielfahrer werden auf Dauer Power vermissen und sich mit dem Getriebe beschäftigen müssen.
Lucia Prokasky – Volontärin
 

Text: Lucia Prokasky
Bilder: Tobias Kircher

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Ausgabe 6/17 erscheint am 17. November

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Stand:23 October 2017 08:01:12/fahrtests/einstiegsdroge+-+fahrtest+harley-davidson+street+rod_177.html