Wild Thing

15.09.2017  |  Text: Frank Sander  |   Bilder: Frank Sander
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Wild Thing
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All jenen, denen überbordernder Chrom, viel Bling Bling und Hochglanzlack ein Graus sind, dürfte dieser Ofen gefallen
Stefan, ein Norddeutscher wie er im Buche steht, ist selten ohne Fluppe im Mund anzutreffen. Er grüßt mit „Moin“, denn ein „Moin Moin“ wäre schon ein längerer Dialog. Bis vor kurzem fuhr der wortkarge Typ eine BMW GS von 1992. Dass er den Boxer jetzt nicht mehr fährt, daran ist sein Kumpel und Namensvetter Stefan schuld. Der arbeitet bei Harley-Davidson Breitenfelde und bot ihm schon öfter eine Harley an. Doch Stefan war resistent, bis bei H-D Breitenfelde eine Road King in Zahlung genommen wurde, die fast in sein Budget passte. Erstzulassung 2000, wunderbar gepflegt, viel Chrom und mit lückenlosem Scheckheft. Das war genau das, was Stefan nie wollte!

Außenliegende Tankanzeige, gewickelte Krümmer, grobschlächtige Seitendeckel, Munitionskisten als Gepäckraum und selbstgebaute Fishtails. Stefan hat die Idee von SEINER Road King konsequent durchgestylt

Doch in seinem Kopf gingen plötzlich eigenartige Dinge vor. Den Ofen zerlegen, alles Überflüssige verkaufen, dann reicht die Kohle für das Bike. Gesagt, getan! Mit Handschlag gekauft, brachte er das Bike in seine Garage und zerlegte es noch am selben Abend. Am nächsten Tag waren die Teile bei eBay eingestellt und der ambitionierte Umbauer stand just vor einem Gebilde, das nicht mehr war als ein Rolling Chassis.

Den Frontfender aus Eiche formte Daniel von Woodfender

Das Foto einer alten WLA inspirierte Stefan zu einem bestimmten Look. Schrauben kann er, schließlich war er mehrfach Begleiter der Rallye Berlin–Breslau. Zuerst wurden ein paar Old-School-Reifen von Firestone geordert, damit das Bike sich rollen ließ, denn in der Garage ist wenig Platz, nicht umsonst waren viele Teile schon im Wohnzimmer deponiert. Da er den gesamten Lacksatz verkauft hatte, besorgte er sich einen gebrauchten Tank, das Projekt sollte ja günstig werden. Außerdem wollte er möglichst nichts aus dem Katalog kaufen. Auch die Tankanzeige war verkauft. Da erinnerte er sich an die alten Gabelstapler, die auch nur einen Schlauch hatten, um den Öl- und Benzinstand abzulesen. Also Löcher gebohrt und Fittings angelötet. Als es um die Anfertigung der Fender ging, stieß Stefan an die Grenzen seiner blechnerischen Fähigkeiten. Also suchte er nach Alternativen. Warum kein Holz? Hatte man in den 20er Jahren ja auch an den Autos, dachte er. Er kontaktierte Daniel von Woodfender, der normalerweise Fahrradschutzbleche aus Holz herstellt. Schnell wurde man sich einig über die Form eines Holzfenders aus gezogenem Eichenholz, die er aus gebogener Pappe vorbereitet hatte. Dazu wurden gleich neue Seitendeckel angefertigt und das Problem war gelöst. Hinten verbaute er einen alten Dyna-Heckfender, der angepasst wurde. Und ein nie geplanter seitlicher Kennzeichenhalter kam ins Spiel, weil ein Kennzeichen auf dem kurzen Fender einfach blöd aussieht. Da auch der Luftfilter seiner eBay-Verkaufsaktion zum Opfer gefallen war, musste etwas Neues her. Fündig wurde er im Treckerladen, denn ein Ölbadluftfilter kann nicht so schlecht sein, damals auf der Rallye wurden solche Teile ebenfalls eingesetzt. Einen gebrauchten Lufi von Massey Ferguson modifizierte er so, dass er an die Harley passt. Sogar der TÜV akzeptierte das.

Der modifizierte Heckfender stammt von einer Dyna. Es versteht sich von selbst, dass die Kisten mit Lederriemen befestigt sind

So nahm das Projekt langsam Formen an. Die Hupe von einem Lkw, geänderte Riser, einige Messingschilder sowie selbst angefertigte Fishtail-Endkappen wanderten an das Bike. Da Stefan viel fahren will, mussten neue Koffer beschafft werden. Was passt da besser als ein Satz Munitionskisten? Billig, praktisch, unverwüstlich und mit einigen Modifikationen sogar abnehmbar montiert, unterstreichen sie den Retro-Look des modernen Twin-Cam-Bikes. Auch die Lackierung wurde in der Garage erledigt, indem mehrere Schichten Lkw-Lack mit dem Pinsel aufgetragen wurden. Jedoch, eines störte noch: die Chromteile am Motor. Mit reichlich Schleifpads, einigen Kupferblechen und etwas Farbe wurde das Problem gelöst. Lederpackriemen, ein paar Aufkleber auf die Koffer geklebt, noch etwas Auspuffband um die Krümmer gewickelt … und fertig. Noch schnell ’ne Fluppe anstecken, Probefahrt machen und ab ging es auf die ersten Touren, in nur wenigen Wochen kamen mal schnell 5000 Kilometer zusammen. Indes, ob der vorherige Besitzer des Bikes nun am Rande eines Infarkts stand oder eine Sauerstoffmaske brauchte, als er das umgebaute Bike gesehen hat, ist uns nicht bekannt.

Vorher! So sah er aus, der hochglanzlackierte, chrombeladene Straßenkönig, bevor Stefan ihn unter seine Fittiche nahm
Motor
Typ: orig. H-D Twin Cam, 1450 ccm, Bj. 2000
Luftfilter: Massey Ferguson 135 Ölbadluftfilter
Auspuff: FL 1340 modifiziert, Fishtail

Getriebe
Typ: orig. H-D Fünfgang
Kupplung: orig. H-D
Primär/Sekundär: orig. H-D

Fahrwerk
Rahmen: orig. H-D
Gabel: orig. H-D, modifiziert
Gabelbrücken: orig. H-D, modifiziert
Stoßdämpfer: Progressive Suspension, 4 cm kürzer
Bremsen: orig. H-D
Bereifung: vo. und hi. Firestone 5.00-16

Accessories
Tank: orig. H-D, modifiziert
Riser: 5 Zoll 45° Pullback
Lenker/Griffe: LSL, 90 cm LJ Custom
Fender: vo. Eichenholz von woodfender.de, hi. Dyna modifiziert
Fußrasten: Trittbretter alte Formgebung
Rücklicht: lights4all
Blinker: Mini-LED Shinjo

 
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Stand:19 November 2017 02:21:12/bike-portraits/wild+thing_171019.html